Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
375
Einzelbild herunterladen
  

gekürzt! Der kleine Leutnant Lawkow dachte, als er südlich Stalingradski durch ein Bunkerfeld voll geplatzter Kisten und leerer Konservenbüchsen z0g, 8o sah es aus, schon vor Tagen, als der Stab stiften gegangen war. Die hatten richtig kalkuliert, die hatten gedacht, der Laden platzt Sowieso⸗ ob man führt oder nicht, und weg waren sie, und wir Rindviecher blieben und hielten die Stellung. Eine zu irrsinnige Kiste, gegenRothschild und Ballin und Bleichrõder und die international versippten Volksverderber zogen wir in den Krieg, und schließlich hier an der Wolga haben wir den ganzen Heckmeck an Verderbern und noch dazu mit roten Hosenstreifen und Glasscherben vorm Auge mitten unter uns, und so was an Verderb wie dieses Volk, das hier dahinlatscht, hat die Welt noch nicht gesehn. Und der Soldat Widomec erinnerte sich der hungernden Griechen und Ukrainer und Polen und Slowaken in den Straßen Wiens, und er dachte, das mußte über uns kommen, und da ist es! Aber es waren wenige, die so oder anders dachten und die überhaupt noch dachten. Die Masse trottete dahin mit einer Geschwindigkeit von einem Kilometer in der Stunde. Die Armee war eine Elitearmee gewesen, und das Gros war nicht in Stãdten, Sondern aus ländlichen Gebieten rekrutiert. Und die Bauernjungen, schon durch Arbeitsdienst und vormilitärische Ausbildung von ihrer Umgebung und ihrem Boden getrennt, und soweit sie Infanteristen waren, hatten sie einen Fußmarsch von mehr als zweitausend Kilometer hinter sich, und ihre Därme waren, wie spãtere Sektionen gezeigt haben, ohne Windungen und glattgeschliffen wie glãserne Bänder, Sie waren außen und an ihren inneren Organen deformiert und befanden sich nun völlig im Bodenlosen, und es war, als ob mit dem letzten Aufbrüllen ihrer Kanonen auch ihre Seelen zerflattert wären, und die Stille, durch die sie zogen, war schon das Totenland. Die Masse zog dahin, erfrorene Füße oder erfrorene Zehen, vom Frost angenagte Gesichter, manche ohne Ohren, manche ohne Mase. Der Gefreiten- winkel, die Umeroffizierstressen waren Rangabzeichen der einzig denkbaren Ord- nung gewesen und mit der versunkenen Bedeutung dieser Zeichen war auch die Welt der Ordnung zerfallen. Sie zogen dahin, und es war eine Ausnahme, wenn einem Strauchelnden die Hand gereicht wurde. Es lag schon jenseits des in Betracht Kom-

menden, daß ein letztes Stückchen Brot geteilt wurde. Das Ganze war krank, und 3 die Zelle war krank, und es gab keine Verbindlichkeit mehr. Der Organismus war 3 aufgelõst in seine Säfte, in Blut und Schleim und gelbe Galle und schwarze Galle, und auch der Einzelne befand sich vor der Auflösung. Mur ein Schritt trennte ihn 3 noch davon, nur mit einer Hand hielt er sich noch am Lebensschiff, und viele ließen

los, ihr Wille war verbraucht auf endlosem Weg und im Dröhnen der Schlacht von 3 den Karpathen bis zur Wolga .

Das Chaos war befohlen worden, und da war es!

5 Die graue Woge erreichte die Ponebene, neben der Bahnlinie nach Kotluban strõmte sie her. Bei einem Dorf, einer Pferdezuchtfarm, einer Traktorenstation standen Waggons, und die Waggons nahmen die Flut auf, und auf Bisenbahnachsen rollte sie weiter. Und es war noch nicht zu Ende. Der Kot, der aus den Abortabteilen der

375