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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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Am Horizont wuchs eine Steppensiedlung auf, und herankommend war es nichts als ein Seite an Seite und Rad an Rad und Pach an Pach stehender riesiger Pulk Zertrümmerter und ausgeplünderter LKWs und PKWs und Kübelwagen und Omni- busse; und wer dort an einer Wagenwand hinsank oder sich unter einen Wagen ver- kroch, um niemals mehr aufzustehen, wurde davon nicht abgehalten. In eine Schlucht fiel der Weg ab, und die Schlucht war ein Grab von Panzern, Sturm- und Flakgeschüt- 7en und die Stätte schwarzer Krähenschwärme, und an der anderen Seite stieg der Weg wieder zur Ebene an. Die Füße trotteten und schleiften und glitschten über die Straße, und es war eine ehemalige Fluchtstraße und der Weg einer dahinrollenden Panik gewesen, über die Uberrollten und in den Boden Gestampften war Schnee, Nebel, war Sonnenschein, waren wieder Räder hingegangen, und jetzt war es ein in die Fisdecke eingeschliffenes Mosaik aus Köpfen, Händen, Gesichtern, über wel- ches die Füße hinschritten. Die Haufen trieben durch Gumrak, vorbei an dem mit erfrorenen Leichen gefüllten Bahnhof und vorbei an den auf einem Putzend Gleisen stehenden, mit gefrorenen Leichen gefüllten Waggons, an denen unter Schnee Auf- schriften zu lesen waren wieDeutsche Reichsbahn Düsseldorf oderDeutsche Reichsbahn Hannover , aber auch Aufschriften wieFrance ,Belgique ,Dan- mark',Rsecsposolita Polska,Eesti ,Magyarorszag ,Romania ,Hellenike Demokratia,Jugoslavia. Und weder bebte der mit Lumpen bewickelte Fuß, wenn er auf derMosaik-Straße auf ein breit ausgewalztes Gesicht trat, noch erinnerte der riesige stadtgroße Autofriedhof an den triumphalen Vormarsch, noch erinnerte das Panzergrab in der Schlucht an die Armee, die anstürmend schon einmal unter- gegangen war, noch weckten die mit Leichen gefüllten Waggons mit den Aufschriften aus aller Herren Länder Gedanken an den Võlkerfriedhof, den die Armee hinter sich gelassen hatte, und an das Sklavenreich, das errichtet werden sollte.

Es gab den einen und gab den anderen, der noch Gedanken dachte. Als ein Major Holmers an den Fisenbahnwaggons vorbeimarschierte und die kalkweißen Buch- stabenFesti undRomania entzifferte, dachte er daran, daß in gleichen Waggons einmal Auswandererfrachten und einmal Naphtha und Blei und Mais und Rosinen nach Hamburg gerollt waren. Als Oberstabsarzt Simmering an der Bahnhofshalle vorbeikam und neben einem großen Haufen abgeschnittener Arme und Beine auch die dazugelegten arm- und beinlosen Rümpfe sah, wandte er sich ab. Der neben ihm hermarschierende Oberarzt Huth sprach es aus:Hilfe ist nicht immer Hilfe! Wenn sie einem Verbrechen dient, wird sie selbst zum Verbrechen! setzte Simmering den Gedanken bei sich fort. Als Major Buchner aus trübem Dahinstampfen und Dahindämmern aufblinzelte und über den Bahndamm hingekegelte 8,8-cm-Flak und verstreute Munitionskisten und Tornister und zerspritzte schneeüberpulverte Leichenstücke erblickte, da Sagte er sich: kein Jammern am Fernsprecher, sondern die Flak umgedreht, und alles, was noch da war, auf den Tulewojgraben und auf das ganz und gar blõdsinnig gewordene Stabsquartier gesetzt, das wäre ein Ausweg gewesen und hätte das Mordverfahren, und sonst war es doch nichts, erheblich ab-

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