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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
373
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natten und was sie zu Klären unternahmen. Es war nicht das Ende der Tragõdie, aber es war Aktschluß.

Und da war Schnee, da war der Morgen- und der Abendnebel und da war der Him- mel mit den Sternen, und zum zweitenmal wallte aus allen Klüften weißer Dunst auf. Uber allen Feldern war Stille, und auf den Schutthaufen der zerstörten Dörfer war das Geschilpe von Spatzen. Und wieder war es Abend und war es Morgen, und wieder entstieg das Sonnenrad der gefrorenen Wolga , rollte über die Giebel und Steinkamine und die dachlosen Hausskelette der Stalingrader Ruinenwelt hinweg, z0g seine hohe blitzende Bahn, unter sich den von Rissen durchzogenen weißen Spiegel der Wolgasteppe, rollte abwärts den Rossoschkahöhen und dem Don ent- gegen und versank mit feurigem Aufglühen über den Feldern und Hügeln des Do- nischen Landes, und so weit die Sonne ihren Bogen schlug, von der Wolga bis zum Don und weit und breit über allen Stanizen der Donsteppe war Stille.

Durch Schnee und Stille bewegte sich der Zug, durch Tag und Nacht und quer über den von den Wolgahügeln und den Rossoschkahöhen eingesäumten weiten weißen Teller. Von Stalingrad-Mitte über den Flugplatz und hinweg über die Balka Krutaja, weiter über die flache Steppe, über den Bahndamm hinweg, neben dem Bahndamm her bis Gumrak und weiter auf der Ponsteppe in Richtung Kotluban; und aus Stalingrad-Nord über Gorodischtsche und Alexandrowka und ebenfalls ausmũndend auf᷑ die Donsteppe in Richtung Kotluban, wo vom Kriege unzerstõrtes Land und die Eisenbahn den Strom aufnehmen konnte.

Purch Schnee und Stille, und in den wüsten Pörfern schilpten Spatzen, und auf der Steppe hoben sich Krähen in schwarzen Klumpen von den Leichenhaufen ab, zogen mit schwerem Flügelschlag über die langsam dahinziehenden Haufen wankender Gestalten. Es ging durch Wegstrecken, von ragendem Pferdegebein markiert, und im Mebel tauchten Gestalten auf(auch das kam vor) in zerschlissenen deutschen Soldatenmãnteln und standen da und starrten aus weiten fiebrigen Augen auf die Vorbeiziehenden. Und die vorbeizogen, hoben kaum den Blick; und als doch einer die Dastehenden anrief und sie aufforderte, sich anzuschließen, da antworteten sie mit hohlen Stimmen, sie müßten die Stellung halten und verschwanden wieder im Dunst. Im Mebel glichen die ziehenden Haufen einer dahinsickernden düsteren Schlamm- flut, und im hellen Sonnenschein glichen sie aufgelockertem, treibendem Gewölk. Auf kurzen Marschpausen am Wege stauten sie sich in Erdlõchern, Gesicht an Ge- sicht und Bein an Bein, die Pritschen überkrustet von Menschentrauben, und wenn die oben Liegenden durchbrachen, hoben sie sich nicht auf, auch wenn die unten Liegenden erdrũckt und getõtet wurden. Und draußen standen sie in der glitzernden Nacht und umer den Sternen, nicht anders als sommers im Kreis aufgestellte Kãlber dastehn und ihre Köpfe, um sie vor der grausamen Steppensonne zu bergen, eng zusammenstecken.

Und weiter mit der Geschwindigkeit von einem Stundenkilometer.