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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Was: ach so? Herr Oberst denken da wohl an einen nächsten Waffengang?

Mein, Gnotke. Die Waffen waren zu grob: das zum ersten. Sie waren in falscher Stoßrichtung angesetzt, das zum zweiten. Die Schuld nach innen wurde zu einer noch größeren nach außen. Ich denke, daß wir nicht in Europa und nicht in der weiten Welt, daß wir vor allem bei uns zu Hause Ordnung zu schaffen haben!

Ach so, schwarze Reichswehr und so, das kenn' ich, das haben wir bei uns in Pom- mern gehabt! Und die Feme , die SA haben wir gehabt, und die SA-Abschlachtung haben wir gehabt! Mensch, Gnotke! Jeder Mensch soll atmen können. Soll Wirt in seinem Haus sein; was er mit seinen Händen schafft, soll er auch erhalten und auch verzehren dürfen, das ist grob gesagt, die Ordnung, die zu schaffen ist!

Ja, 80 etwa hieß es damals auch!

Mein Gott, alle Bilder verbraucht, alle Worte verdreht, alle Quellen verstopft, kein Glauben mehr, nichts mehr, ausgebrannt, nur noch Stümpfe..

Es war ein seltsames Gesprãch zwischen einem General(der als solcher allerdings eine ungewöhnliche Erscheinung war) und einem Soldaten, aber es wurde auch in einer außergewöhnlichen Stunde geführt. Zwei gefrorene Leichengesichter, ein drittes in Sich verknãueltes Leichenbündel waren die Zeugen. Tiefziehender Mebel umwehte die Gruppe. Uber die Brücke z0g das, was einmal eine Elitearmee gewesen war. Der Himmel hoch und kalt und voll funkelnder Sterne. Die Luft durchweht von Tod. Szenerie eines Kriegstheaters im Moment des herabgehenden Vorhangs.

Zwei Gesichter:

Der General und der Leichenbestatter, und nicht mehr General, nicht mehr Leichen- bestatter, ein Geschlagener und noch ein Geschlagener, und wie kommen sie zuein- ander, wie ist es mõglich? Da war Kampf und Vernichtung, und wenn der Kampf nicht notwendig, wenn er Frevel war, welchen Wert kann der Untergang ergeben. Ungeheure Schale der Tränen, ausgeschüttet im Schnee, und nichts soll bleiben, nichts. Der Geschlagene soll nicht zum Geschlagenen finden, um einenKreuz- zug wie den gewesenen, der nichts als ein Zug durch das Blut von Völkern und Kreuzigung des eigenen Volkes war, und der noch immer kein Ende haben und der sich wiederholen soll, ein für allemal zu beschließen!

Mensch, Gnotke, hinter diesem verlassenen Schlachtfeld und hinter diesem ver- lorenen Krieg flimmern neue Schlachtfelder und neue künftige Kriegstheater! Davon habe ich genug!

Ich auch!

Ich weiß nicht, Herr Oberst, wie wir beide zusammengehen können!

Eben das müssen wir wissen, darum geht es! Parum ging es, das war es, was die beiden unter dem fallenden Vorhang zu tun

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