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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Mann war, und die wilde Kraft des Unkrauts oder ursprüngliche Kraft überhaupt hat ihn Prüfungen überstehen lassen, wie sie über ihn hingebraust waren, und war ein Mensch geblieben, wußte von einem Altenhuden, einem Schiele, einem Gimpf an seiner Seite, ein Mensch mit seinen Wurzelfäden im Umkreis, und daher, aus dem Verwurzeltsein, auch die Kraft, und er fühlt die Verantwortung für das ge- wirkte dunkle Schicksal und weiß, was er einmal mit dem Stuhlbein angerichtet hat. Er ist den Weg zurückgegangen bis zum Grunde der deutschen Krankheit. Generale sind gegen die Sache desFührers, weil er den Krieg verliert der ist dagegen, weil er den Krieg begonnen hat und weil er, und vor zehn Jahren schon, den Krieg gegen das deutsche Volk angefangen und das Volk für volksfeindliche Interessen mißbraucht hat. Und das ist ein Unterschied oder Zumindest eine wesent- lich andere Etappe der Erkenntnis, und so ist dieser hier mit dem knochigen, mit dem aus Hunger und Sterben und Feuer wieder aufgestiegenen Gesicht wirklich ein Salzkorn, einer von jenen, wie sie das belogene, geschlagene, hoffnungslose, taubgewordene Volk nõtig hat, um wieder zurückzufinden, um wieder zu erstehen. Gnotke! sagte Vilshofen . Gnotke hob den Kopf wieder, und er hörte zu. Er begriff daß es auch ein Geschlagener war, der da zu ihm sprach. Auch einer, der wund war und zerrieben vom Denken, und hãtte er noch vierzehn Tage früher solche Töne gefunden, ein Hauptmann Döllwang , ein Leutnant Latte, ein Soldat Liebig, Fell, Liebsch, Kalbach, Tünnes und hundert andere wären noch am Leben, und hätte er noch früher solche Töne gefunden, ein ganzes Panzerregiment hätte ihn gehört und hätte vielleicht auch gehandelt. Und jetzt horchte Gnotke auf, wahr ist es, und er selbst hatte es doch gesagt, man muß unter allen Umständen leben; und nochmals wahr ist es, man muß auch wissen, wofür man leben soll! Und dieser Oberst war ja nun wirklich wie einer, der mit der Laterne in der Hand sich auf den Weg durch die weite Einsternis machen wollte; und was war eigentlich an ihm selbst dran, daß er ihn durchaus auf diesem Weg dabeihaben wollte! Da sitzt Altenhuden, da sitzt der Schiele, dieses Mal sagte Vilshofen es,erbrochene Hoftüren, verrostete Türangeln, ganz Peutschland ein zerbrochener Topf, da ist mehr als einmal das Muttergut untergegangen, da ist Soviel verwaistes Volk, auch so viel rich- tungsloses, auch so viel verwahrlostes Volk, und so viel ist wieder gutzumachen, glau- ben Sie denn nicht, Gnotke, daß jede Hand gebraucht wird und ebenso jeder Kopf! Das glaube ich schon. Aber nun, ich muß es doch einmal aussprechen, ich komme aus dem Strafbataillon, also von unten das Unterste, und Herr Oberst... Nicht gerade von oben das Oberste, aber doch aus dem Führungsstab und da ist die Schuldbelastung natürlich viel grõßer als die eines Soldaten aus dem Straf bataillon! An der verlorenen Schlacht, meint Herr Oberst? Ich habe hier in den Stalingrader Nächten noch über anderes als nur über die Kata- strophe auf dem Schlachtfeld nachgedacht; und wenn ich jetzt von Schuld spreche, so meine ich die gegenũber unserm wenn auch nicht verlorenen, so doch in die Irre geführ- ten und in seiner physischen Existenz bedrohten Volk! Und da gilt es zu reparieren!

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