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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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boden, rote Flecke am Hals, das Haar naß, die Augen verdreht, aufplusternd schwar- zer Schaum auf den Lippen, der verröchelnde Atem stinkig, und nicht das ist die Entstellung! Die Katastrophe ist nicht nur militärisch, der Bruch ist nicht nur ein Knochenbruch, es ist nicht nur Typhusschaum auf dem Gesicht. Deutsches Volk, welche Tollheit und wessen Tollheit mußt du hier ausschwitzen!

Matthias Gimpf starb. Er hatte noch nicht zu leben begonnen. In tiefem Pulverschnee auf der Straße von Wjasma nach Smolensk hatte sein Leben sich festgefahren, von dieser Straße kam er nicht mehr los, von einem Kinderantlitz, das nicht verstehen konnte, wie es plõtzlich zu einem mutterlosen Wolfsjungen, das in den Schnee hin- zusinken hatte, gemacht wurde, und das nicht verstehen konnte, wie ein Wesen mit Menschengesicht ihm solches Schicksal bereiten konnte, von diesem Kinder- antlitz kam er nicht mehr los. Die Augen des russischen Kindes und die großen grauen Augen der sauerländischen Mutter waren eins und waren dieselbe Frage, die ohne Antwort bleiben mußte. Nacht ohne Licht, und Schritte im Schnee, Schritte dort und Schritte hier, und er starb und das Sterben war schwer, war ein Zusammen- zichen des ganzen Körpers und Ausspeien von heißem Rauch, war schlaffes Zurück-

fallen, wieder Schnee und ausbrechende Schweißflocken und gegurgelte Worte, und

wieder Krampf und Erbrechen, wo nichts mehr zum Hinbrechen war. Sein Sterben dauerte lange, und es ging nur stückweise vor sich. Das letzte war das Zucken des linken Fußes. Es war der leichterfrorene Fuß, der Wochen hindurch die Sorge Gnot- kes gewesen war. Und Vilshofen faßte jetzt diesen Fuß ins Auge, eigentlich aber den fellgefütterten Stiefel, der einmal sein eigener gewesen war, den er einmal Gnotke geschenkt hatte, und der sich jetzt am Fuß des anderen befand.

Wir müssen es durchstehen, Gnotke! sagte Vilshofen nach einer Weile.

Der Blick Gnotkes ruhte ebenfalls an dem stillgewordenen Fuß, hob sich zur Brücke, wandte sich dann Vilshofen zu, dem hageren, unter den Backenknochen eingefallenen Gesicht mit der vorspringenden Nase und den großen Augen.

Und hier begann ein Gespräch zwischen einem, der nun ganz allein war und der nicht weitersah und dem andern, der durch Schnee und Wirrnis, durch Irrtum, Verbrechen und das von dunklen Mächten gewirkte Verhängnis hindurch wollte. Vilshofen mußte sich sagen lassen, daß er als guter Offizier, der selbst mit vorn im Dre k gelegen und der Zigaretten und Brot und manches mit den andern geteilt hatte, verhängnisvoller als der schlechte Offkier gewesen wäre, und nicht der Unkameradschaftliche und nicht der Ausflieger und nicht der, der nur an die Rettung der eigenen Haut gedacht hatte und dem niemand Glauben schenkte, sondern er, der das Vertrauen besessen hat, hätte die Truppe in den Untergang geführt.

Und das war zuzugeben: alle moralischen und sittlichen Qualitäten müssen zu- Schanden werden und müssen das ihnen wesentlich Entgegengesetzte bewirken, wenn derjenige, dem sie zu eigen sind, Befehle durchführt und einem Gesetz ge- horcht, das nicht das Gesetz ist, sondern Satzung einer Verschwörung asozialer

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