Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
366
Einzelbild herunterladen

keine zweitausend Kilometer weit bis in die Balka Krutaja verkrochen. Das Schlürfen oben auf der Brücke und der Zustand hier unter der Brücke hat nichts mit einer Seele, hat allenfalls etwas mit der W-Prop(Wehrmacht -Propaganda-Abteilung) zu tun. Die DPivisionen, Korps, Armeen, das OKH, das OKW der Führer, diese gigan- tische Pyramide ist nicht Ausdruck des Volkes. Armes deutsches Volk, du hast Stãdte gebaut, hast Dome gebaut, du hast einen freien Bauern auf freien Grund gestellt, hast auf dem Gebiete der Kunst, der Wissenschaft, des Rechts, der Sprache Höhen erreicht. Du hast die Hansa, hast Zünfte, hast das freie Gewerbe, hast mannigfaltigen Ausdruck für deine Wesenheit gefunden und deine Militärorganisation kann allen- falls als ein Zug deines Gesichtes gelten, als ein Ressort deiner gesamten gesellschaft- lichen Verfassung. Dieses Ressort hat sich aufgeblãht, ist übermächtig geworden, hat alles in sich einbezogen. Es hat alle Dãämme niedergerissen und ist über die Landes- grenzen weggeschwemmt, und der Bauer hat von seinem Land, der Arbeiter von seiner Arbeit, der Priester von seiner Gemeinde, der Lehrer von seinen Hörern, die Jugend von ihrer Jugend, der Mann von seiner Frau lassen müssen, und das Volk hat als Volk aufgehört und ist nichts als Brennstoff für den ungeheuren rauchenden Berg, und der Einzelne ist nichts als Holz, als Torf, als brennbares Fett und zuletzt eine ausgespiene schwarze Flocke. Das war das Gesicht im Halbschlaf, das eines Mannes, der einmal als stud. phil. in den ersten Weltkrieg eingetreten war, der Offizier geblieben war und unter dem Chef des Oberkommandos dem Auslands- und Abwehramt angehörte und der im Jahre 1939 ausz0g, das Unmögliche möglich zu machen. Und noch einer in der Balka, Matthias Gimpf, befand sich im Halbschlaf vor sich hinmurmelnd, gestikulierend, traumbefangen, aufblickend, den Kameraden Gnotke erkennend, und sich wieder verlierend in einer wüsten Schneenacht. Die Masen- lõcher Gimpfs und auch die Lippen waren schwarz von vertrocknetem Schleim und von dem stoßweise gehenden Atem. Das Gesicht war hochrot, aber war frei von den Flecken, die Hals und Brust bedeckten, die der Kranke sich bloßgemacht hatte. Gnotke führte ihm Schnee in den Mund, und da er über heftigen Kopfschmerz Kklagte, hielt er ihm auch seine schneegekühlte Hand an die Stirn. Gimpf᷑ war nun doch der Mund aufgegangen und war für Gnotke kein Rätsel mehr. In den lauten Delirien und auch in den Pausen, da er bei Bewußtsein gewesen war, hatte er alles herausgeredet. Gnotke wußte nun, wo er sein Gesicht verloren hatte, in einer mondlosen Schneenacht auf der Straße von Wjasma nach FSmolensk. Gnotke vernahm und auch der hellwache Vilshofen vernahm, und für Gnotke war es nicht das erste Moment aus jenem Zug des Grauens, der sich in jener dreizehn Monate zurückliegenden verschollenen Movembernacht über die breite schnee- überpulverte Heerstraße Wijasma-Smolensk bewegt hatte. . 2Wwei Kleine, mit den Pelzmützen und den kleinen Fãustlingen wie tapsige junge Hundchen, vier Jahre können sie gewesen sein, blieben zurück, und sie fielen und konnten schon nicht mehr auf. Hauptmann Steinmetz befahl, die Kinder zu

366