zwei, die die Köpfe hängen ließen und einander hielten, dann war es einer vor- gespannt und der andere auf einem Schlitten, und wieder eine aufgeschlossene Ko- lonne, und immer neue, schlürfend, taumelnd, ausgleitend, sich wieder aufhebend, und weiter, und neue, immer andere, nicht anders als ziehender Rauch.
Diese Bewegung hatte begonnen, als die Sonne schon hoch stand, aber vorher war hier nichts als weiße Wüste gewesen. Und als es hier noch leer war und nur der Morgennebel über die Brücke zog, war ein einzelner Mann hier angekommen, der General im langen Fahrermantel. Mitten auf der Brücke war er stehengeblieben und hatte hinuntergeblickt. Unten hatte er ein totes Pferd gesehen und ein nieder- gebranntes Feuer. Um die Glut herum hatten vier Gestalten gehockt, aufgeplustert von ihren Mänteln, von übergehängten Zeltbahnen und eingesunken in angewehtem Schnee. Da hockten sie auch nachher noch, als der Zug ankam und über die Brücke trieb, aber da waren es fünf. Es war so gewesen: der im Fahrermantel hatte herunter- gerufen:„He, ihr da unten, was hockt ihr da? Warum schert ihr euch nicht zu eurer Truppe zurück, auf was wartet ihr hier?“
„Auf das Ende!“ war ihm erwidert worden.
Die Stimme war ihm bekannt erschienen. Er war heruntergekommen und der ge- antwortet hatte, war der Unteroffizier Gnotke. Unteroffizier Gnotke hatte den Schnee von sich geschüttelt und war aufgestanden und hatte gesagt:„Herr Oberst (und Oberst oder General, darauf kam es nun schon nicht mehr an), es hat nun alles keinen Sinn mehr! Ich habe einmal gedacht, man muß umter allen Umständen leben, und das hat mir geholfen. Und nun weiß ich auch das nicht mehr, und das ist schlimm!“ „Sehr schlimm, eine sehr schwere Lage!“ hatte Vilshofen erwidert und hatte die andern angeblickt.
„Das ist der Soldat Altenhuden, der kann nicht mehr aufstehen!“ hatte Gnotke ihm erklärt.„Und das ist der Soldat Franz Schiele, der kann auch nicht mehr aufstehen!“ Das war ihnen anzusehen. Altenhuden(der war Vilshofen bekannt) sah wie immer aus, und sein Gesicht war friedlich und von zartblauer Tönung. Franz Schiele(den kannte Vilshofen nicht) hatte das gleiche stille zartblaue Gesicht.„Und das ist Mat- thias Gimpf, der schläft jetzt, und wenn er aufwacht, sPricht er von Schnee und einem großen Gefangenenzug!“
„Also setzen wir uns!“
„Eine sehr schwere Lage, und allein kommt man nicht raus!“ So hatte Vilshofen den Faden aufgenommen, und es war in der Tat der Faden, den er in der Hand hielt. Allein geht es nicht. Allein geht man keinen Schritt. Allein tritt man nicht ins Leben, und allein gestorben, bleibt man als Aas unter dem offenen Himmel liegen. „Allein geht es nicht, Gnotke!“
„Nein, es geht nicht!“ Keiner wußte es, wie Gnotke es wußte. Da saß Gimpf— bis zu den Schultern im Schnee, mit glühender Stirn, mit vertrocknenden Lippen— und er war von weit her der Zeuge der Furcht, die Gnotke vor dem Alleinsein gehabt hat.
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