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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Fünfundvierzigtausend Mãnner waren es jetzt, die sich dahinbewegten, in Haufen, die sich in die Längs zogen, die abrissen, wieder Anschluß suchten und dichter aufschlossen, glitschend, taumelnd, mit verbundenen Köpfen, der eine mit gebroche- nen Rippen, der andere mit Zersplitterten Armknochen, da waren solche ohne Beine, bãuchlings auf Schlitten liegend und sich mit Stöcken in den Händen vorwärts- rudernd, alle leer in den Mägen, ohne Fett an den Bauchdecken, ohne Fettpolster an den Nieren, an den umwickelten Füßen gefrorener Schnee, jeder Schritt eine Anstrengung, die Stundengeschwindigkeit ein Kilometer. Fünfundvierzigtausend Mann und die letzte Brotkrume verzehrt, das let?te Verband- pãckchen verbraucht, der letzte Liter Sprit verfahren und die Restbestände in die Luft gejagt. Keine Transportmittel, die PKWs, LKVWs, Sanitätskraftwagen, Kübel- wagen, Zugmaschinen zuschanden gefahren oder gesprengt. Die Armee hatte für ihre Männer nur das Grab vorgesehen und hatte dahin gewirtschaftet. Da waren die dem Tode preisgegebenen Haufen. Es waren nicht nur die erdigen Gesichter, die hängenden Arme, die zerpulverten Mäntel die Ruhr, der Flecktyphus, die Seuche zogen mit. Diese Todeshaufen nach Westen in Marsch setzen, die deutsche Front öffnen und sie denen wieder zuführen, die sie in solchen Zustand versetzt hatten, solche Gedanken mußte fallengelassen werden. Micht ein Mann, mit Aus- nahme der Offiziere der Stäbe, hätte die vierhundert Kilometer überstanden und lebend die deutschen Linien erreichen können. Rußland mußte diesen Zug des Chaos aufnehmen. Fünfundvierzigtausend Mann und mit den an den vorangegangenen Tagen gefangen- genommenen deutschen Soldaten waren es einundneumigtausend Mann, eine plõtz⸗ lich angefallene riesige Menge, die 2u betreuen, zu versorgen, zu befördern war. Die eigenen Taschen leer. Die Steppendõrfer dem Frdboden gleichgemacht. Die Viehzuchtfarmen ausgeschlachtet. Die isenbahnstrecken zerstõrt. Befahrbare Fisen- bahnwege erst wieder jenseits der alten russischen Frontlinien. Der Gefangenen?ug bewegte sich in der Richtung nach Kotluban. Bis dorthin mußte der Weg?u Fuß zurückgelegt werden, und als erste Marschetappe war Gumrak vorgesehen. Für diesen improvisierten Auffangort hatte die russische Fromtruppe einen Teil ihres Proviants und einen Teil ihrer Krzte, ihrer Pfleger, ihres Sanitãtsmaterials abgegeben. Die Gefangenenmasse aber bewegte sich mit einer Stundengeschwindigkeit von einem kilometer und für die Strecke, die in fünf Stunden zurũckulegen war, brauchte sie zwei Tage. In der Abendstunde war der eisige Dunst wieder da und der kam nicht nur von der Wolga herüber, der brodelte aus allen Schluchten auf, und es war der Atem des schnee- f pedeckten Landes. Da war die Balka Krutaja, nicht sehr tief, aber in wilde Neben- . klüfte aufgespalten. Eine Holzbrücke(der Bohlenbelag verschleppt und die Löcher 1 von Pferdegebein und gefrorenem Schnee verstopft) führte hinüber. Uber diese . Brücke hinweg bewegten sich die mit Mänteln und Lumpen vermummten ausge- ſ mergelten Gestalten, einmal war es ein Haufen, dann eine Gruppe, dann waren es

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