viertel am Stadtrand, in die Trümmerfelder des Werkes„Roter Oktober“, des Trak- torenwerkes, der Arbeitersiedlung hineingeworfen wurde und die in Ahnungslosig- keit nun plötzlich die freigewordene und zusammengefaßte Masse der russischen Artillerie auf sich zog. Uber der weiten fimmernden Schneefläche war es zu sehen: Aufflatternder Rauch. Eiserne Hallenbogen, die bisher gestanden hatten, bewegten sich jetzt, Barrikaden — aus Drehbänken, Dampfkesseln, Schalttafeln, hundertmal umgepflügt, flogen abermals in die Luft. Der Hügel Mamajew Kurgan, Schauplatz wochenlanger furchtbarer Kämpfe, veränderte in Feuer und Rauch seine Form. Ein Ausbruch— Fisen, Panzerfetzen, brennendes Gl. Eine Rauchspirale, sich wild hineindrehend in den kristallenen Himmel und sich umbiegend und den Zenit und das weiße Sonnenrad erreichend und Schauer schwarzer Flocken dahinjagend über das schneebedeckte Land.
Und da bewegte sich der Zug auf᷑ der Straße nach Gumrak, tauchte in eine Schlucht ab und hob sich am jenseitigen Ufer wieder auf und Spann sich weiter, ein langer grauer Faden, zehn-, zwanzig-, dreißigtausend Männer, die Hãlfte der Armee oder was von ihr geblieben war, wãhrend die andere Hãlfte nochmals eingesetzt, zerhackt, von Fisen überschüttet und in Hekatomben in die Luft geschleudert wurde. Es war noch immer nicht genug! Die deutsche Mutter hatte sie geboren für ein letztes Aufflattern des Spuks unter dem hellen Winterhimmel. Ihr Kommandeur, der von der Südgruppe die Funkunterlagen und zugleich die mitgeschriebene Rede des Reichsmarschalls erhalten hatte, funkte in heller Empörung, als noch die Fabrik- höfe und die fensterlosen Hallen von Fisen und Flammen und Staub durchtost waren, an das Führerhauptquartier:„Vorzeitige Leichenreden verbeten!“ Eine Stunde spãter aber sandte er den offiiell verlangten Funkspruch und meldete den Kampf bis zum letzten Mann! Nachdem das Oberkommando der Armee ohne Ab- meldung und ohne letzten Klang verstummt war, war das die aus der letↄten Zuckung der Armee gemünzte Formel, war indessen nichts als eine rhetorische Floskel. Eine Anzahl Truppenkommandeure konnten für dieses letzte Antreten kein Verstãndnis mehr aufbringen. Da waren alte Oberste, die ihrem Kommandeur den Wahnwitz seines Tuns vorstellten, und einer dieser Graukõpfe warf sich vor ihm auf die Knie und flehte ihn an, dem Männermord Einhalt zu bieten, und die von dem umkãmpften Fabrikgelände abseitsliegenden Truppen ließen sich endlich in den Untergang nicht weiter hineinreißen. Am„Tennisschläger“, bei der Owrashnaja, an der Brotfabrik legten Soldaten die Waffen nieder und ließen die russischen Panzer nach hinten bis vor die Türen der Stäbe durchrollen. Die Verwirrung war so groß, daß dem Kommandeur, als er bei einem Stab weilte, sein vor dem Bunker abgestellter PKW
gestohlen wurde und er seinen weiteren Weg zu Fuß zurücklegen mußte. Der Zu-
sammenbruch ließ nicht lange auf sich warten, und nochmals Zwanzigtausend Soldaten und Offiziere, der Kommandeur der Nordgruppe mit dem Chef seines Stabes und mit ihm sieben Generale gingen in Gefangenschaft; und der nach Westen rinnende Zug bekam abends und nochmals am folgenden Morgen neuen Zufluß.
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