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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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Sumpf᷑ und Schnee zu schieben hatten, die Straßen bauten, die Schlitten vorgespannt waren, die zerlumpt und verhungernd niedergebeugt waren bis an den Boden. Es waren andere, diese hier, ein Trupp russischer Soldaten der 62. sibirischen Armee, die aus dem schmalen Uferstreifen heraus, mit ihrem Generalsbunker nur dreihundert Meter von den deutschen Gräben emfernt, Stalingrad verteidigt hatten: Soldaten, herumstehend, gewickelte Zigaretten rauchend, an den Schafpelzen und Watte- hosen Erde und Rauch. Sie hatten in dem gleichen Dreck gelegen, im Trommel- feuer, unter den Wellen der Panzer, unter den Bomben der Stukas , und sie hatten es durchgestanden, drei Monate lang, und auf ihrem Weg vom Don her einen ganzen Somumer und einen halben Winter lang. Und da waren sie und rauchten Machorka. Breite russische Köpfe, ruhige Gesichter, ruhigblickende Augen. Und die Gesichter der Vorbeiziehenden hoben sich und senkten sich wieder.

Die große Wanderung begann, vorbei an rauchgeschwärzten Umfassungsmauern, an hohen Hausskeletten, an berghoch aufgewirbeltem Eisenschrott und Zement- trümmern, durch Straßen, die straßenlange Steinbrüche waren. Fine Balka ging es hinunter im Schnee Stahlhelme, zerbrochene Geschütze, zusammengebrochene Autos, an den Wänden Loch neben Loch und Loch über Loch, Erdhöhle an Erd- höhle; da war auch schon eine Russenfrau mit zwei Kindern, die eine Unterkunft suchte und keinen Blick für den langsam vorbeitreibenden endlosen und frierenden Menschenstrom hatte; und da peitschten immer noch, einmal näher, einmal ferner, Gewehrschüsse die Balka führte bis zum Stadtrand, und da ging es wieder hoch. Rechts Ruinen, dahinter die Höhe 102. Auf einem Feld aus dem Schnee ragende Stümpfe abgehackter Bäume, ein Fisenbahndamm, über den Damm hinüber, und hier begann der Schnee, die endlose Wanderung durch den Schnee. Uber den Flug- platz ging es weg, am Tatarenwall vorbei, und weiter auf dei Straße nach Gumrak. Aber bis Gumrak, das sind achtzehn Kilometer, wurden zwei Tage gebraucht. In der Morgenstunde war es Dunst, der über der gefrorenen Wolga aufstieg, gegen die steile Uferböschung dammte, weiterkroch durch KHaustore und Fensterhöhlen und Steinlabyrinthe, alle Höhlen unter sich ertränkte und dahinzog in eisigen Bah- nen, und eine Bahn, dunkler in ihrer Masse, flacher an den Schnee gedrückt, und langsamer als der ziechende Nebel, und weiter und weiter sickernd, war der Ge- fangenenzug.

In der Mittagsstunde stand die Sonne am Himmel wie ein weißes Rad. In der Luft tanzten Myriaden Kristalle. Die Schneefläche war blendend, dermaßen, daß sich vor den Augen schwarze Fãden und Flecke zeigten, und eins der brauenden dũsteren Gebilde war wirklich und schien unwirklicher als das Flimmern vor dem Auge. Man mußte den Kopf halbrechts wenden und über die Schneefläche weg zurück- blicken gegen Stalingrad-Nord. Port saß die abgesplitterte Gruppe Nord, die von den Vorgängen in der Stadtmitte und im Südkessel nur eine unvollständige oder überhaupt keine Vorstellung hatte, und die von ihrem Kommandeur noch einmal zusammengerissen und gegen die sich einkeilende Hõhe 102, und in das Fabrik-

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