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ausgeputzt und zur Schlachtbank geführt, bis hierher war es unernst, und hier und in dieser Stunde begann es, hier begann die Umbehr:„Gedenke, daß du Asche bist und wieder zu Asche werden wirst!“ Es begann der erste Tag der großen Wanderung. Die Keller brachen auf, entlang der Wolga und von der„Tennisschläger genannten Gleisgabel bis zur Zariza(der Nordteil blieb von der Bewegung noch unberührt) an sieben und acht Kilometer, von der Wolga bis zum Stadtrand an drei Kilometer quoll es auf in den Nebel, mit fetzenumwickelten Füßen, in Mänteln mit Kapu?e, in Feldbluse, in Ubermänteln, in Lumpen, verlaust, Schorf bedeckt, ausgehungert, voll Schwären und Wunden, eine Decke, ein zusammengerafftes Bündel in der Hand oder nichts in der Hand, graues Gesicht neben grauem Gesicht, staute sich straßen- lang. Von der Wolga her manschte ein„T 34“ Schluchtaufwärts durch Klafterhoch liegende Leichen, daß die Fetzen spritzten, und die daneben standen waren zu müde, um die Hand zu erheben und sich die Spritzer wieder aus dem Gesicht zu wischen. An einer aufgestellten Gulaschkanone faßte einer zehn Schläge und legte sich hin und starb; und die seinetwegen nichts erhalten hatten und leer geblieben waren, prachen nachher auf dem Marsch zusammen und starben, und weder nach dem einen noch nach den andern blickten sich die Weiterziehenden um. Der Dachkran? eines eingesunkenen Schuppens war überkrustet von Hungergestalten mit lodernden Augen, und alle arbeiteten, daß ihnen der Schweiß von Stirnen und Nasen tropfte, und sie warfen Tote und wieder Tote und auch Halbtote über die Seite und hinunter auf den Schnee. Da sie den Proviant, der hier eingelagert sein sollte, nicht fanden, suchten sie immer wütender. Sie waren unzweifelhaft geistes- gestört, ebenso wie der Soldat, der plõtzlich auftauchte und mit Kommandostimme brüllte:„Alles Platz machen! Ich bin der General der Artillerie, Heitz, und muß hier in meinen Bunker!“ Die Männer, die herumstanden, Zeigten keinerlei Anteil- nahme und wandten sich überhaupt nicht um, oder die sich umwandten, begannen zu flackern und wurden in den ausbrechenden Massenwahn hineingerissen. Und da kam vom„Platz der Gefallenen her ein Zug von hundert und mehr Gestalten in dicken Mänteln mit Pelzkragen, mit großen Pelzmützen in fellgefütterten Tarn- kombinationen, in warmen Stiefeln, die Gesichter von strapazierten Nerven, aber von keinerlei körperlicher Not gezeichnet, und nachgetragen wurden Bekleidungs- Säcke, Tornister, Koffer. Und das lange graue Spalier stand da mit beschmierten Gesichtern, mit Armen, herabhängend und schwer wie Erde, und den Augen war nicht anzusehen, was die Männer dachten, und auch nicht, ob sie ũberhaupt dachten. Aus Kellern, aus Schuttwinkeln, aus Erdlöchern, aus Kanalisationsröhren, von Trümmerfeldern herunter und Balkas herauf stiegen immer neue Gesichter, und was sich Sammelte in großen Haufen und sich zu endlosem Zug aufstellte, und auf den Abmarsch wartete, hatte es nicht mehr nötig, Asche aufs Haupt zu streuen. Dieses Soldatenvolk war„fertig“, um die Beine herum, in den Hirnen und in den
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