Aber das ist doch lodernder Wahnsinn und nicht vernünftiges Tun des Komman- deurs einer Infanteriedivision und auch nicht eines Vortragenden Rates der Kriegs- geschichtlichen Abteilung beim Oberkommando des Heeres! Und schließlich(auch diese ljberlegung und jãhe Selbsterklãrung kam)⸗ für Solche Haltung und solch tolles Tun ist man doch nicht mehr jung genug, dafür ist man doch viel zu stumpf. General Gönnern ließ den Karabinerriemen unberührt. Auf dem Gesicht verzweifelte Ent- Schlossenheit, und auf etwas maschinenmãßig auftretenden Füßen legte er die zwölf Schritte bis zu seinem Bunkereingang zurück. Die Rotarmisten grinsten und ließen ihn passieren. Der General kam unten an. Er öffnete die oberen Kragenknöpfe, preßte die Hand fest gegen den Hals und atmete tief. Unten standen alle auf den Füßen, in der Mitte die beiden weißhaarigen Männer, der Kommandierende General aus dem Süden und der aus Gumrak. Gönnern sagte nicht„Meine Herren“, er sprach überhaupt nicht im Plural, und es konnte ebensogut an den einen wie an den andern, wie an ihn selbst gerichtet sein, er sagte:„Nun, Herr General, draußen Sind die Russen!“ Pas wußte man bereits, und an den Augen las Gönnern es ab, daß auch der Entschluß bereits gefaßt war. Eine Minute der Stille verging, dann drehte Gönnern sich um. Er ging den Weg zurück, ging die Stufen hoch und kam oben wieder an. Er faßte die Rotarmisten ins Auge, erkannte einen Offhier und sagte:„Herr Offizier, hier umen sind drei Generale, die die Waffen strecken wollen 16 Zur Selben Stunde lag vierbundert Meter weiter draußen zwischen den Trümmern der Fliegerschule General Geest⸗ der noch immer in den Schneelõchern ringsumher von einem Haufen schießender Männer umgeben war. General Geest, ein gelbes Knochengesicht unter dem Stahlhelm, das Kinn auf die Fäuste gestützt, hockte da und starrte seine leere Tischplatte an, als eine durch die Tür kommende Gestalt das von außen einfallende Schneelicht verstellte, es war sein Adjutamt, Major von Bauske.
„Herr General, jet?t ist die Stunde da. Ich würde vorschlagen, es jetzt zu tun!“ sagte Bauske.„Fangen Sie doch nicht schon wieder damit an, Bauske. Sie kennen den Befehl des Oberbefehlshabers, der hat es doch verboten!“—„Ich tue es, Herr General!“—„Ich tue es nicht, und wenn Sie es nicht lassen können, dann bitte nicht hier im Bunker!“ Minuten spãter erblickte Geest draußen in der milchigen Welt, nur wenige Meter von sich und in der ausgestreckten Hand die noch nicht abgezogene Handgranate, seinen Adjutanten wieder. Geest wandte sich schroff ab und suchte Seinen Bunker wieder auf, und da saß er wie vorher, den Kopf in die Hände gestützt. Wieder fiel ein Schatten auf den Tisch, und der neben ihum stand, war wieder Bauske. Er hatte es nicht getan, und Geest Stand jetzt auf und wurde pathetisch. Es war aber die Stunde, die Luft war bewegt, und durch diesen grauen Morgen ging ein feierlicher Zug. Geest drückte Baron von Bauske die Hand und Sagte:„Es ist der größte Sieg, den Sie errungen haben, Bauske, den Sieg über sich selbst! Und dafür... Fr beugte Jich über Seine Tischlade, z0g sie auf, polte ein Eisernes Kreuz Erster Klasse her-
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