einen Posten vor dem Efdloch zu haben, in seinem Bunker Saß und stundenlang die Frage bewegte: Gefangenschaft gehn— erschießen? Dann hörte er vorsichtige Schritte die Erdtreppe herunterschlürfen. Eine Gestalt in einer Wattejacke, gleich danach eine zweite, zwei breite russische Gesichter schoben sich in das Erdloch. „Na endlich, is ja jroßartig!“ stöhnte Vennekohl erleichtert auf, doch die Russen starrten verblüfft den deutschen General an, offensichtlich hatten sie erwartet, den Bunker leer zu finden.
„Rußki Soldat?“ fragte Vennekohl.
„Njet Soldat!“ wurde ihm erwidert. Die beiden waren von einer deutschen Truppe geflüchtete russische Zivilisten, die nicht daran dachten, einen deutschen General gefangenzunehmen, und Vennekohl stürzte abermals in die quãlende Frage zurück, die nun auch schon keine Frage mehr war, denn um gefangen zu werden, brauchte man nur zu warten, um sich zu erschießen, bedarf es eines Entschlusses, aber gerade den konnte Vennekohl nicht aufbringen.
So begann die Gefangengabe, ohne gemeinsamen Entschluß, ohne gemeinsame Durchführung. Wo sich organisierte Ansätze und Initiative der Truppenführer gezeigt hatte, wie beispielsweise auf dem Gefängnishof, waren sie vom Armeeober- kommando durchtrieben worden, und die Folgen waren, wie eben auf jenem Gefäng- nishof, blutige Massaker noch in der letzten Stunde. Es wurde kapituliert, und es wurde geschossen, das ging nebeneinander und durcheinander, und das ging im gleichen Abschnitt und manchmal im gleichen Erdloch vor sich. Und die Männer, die im Laufe dieser Nacht die Hände hochhoben und sich in grauen Haufen zusammen- ballten, waren nur die ersten schweren Tropfen dessen, was weiterhin zu strõmenden Rinnsalen und zu einer dahintreibenden Flut werden sollte.
Der Himmel wurde grau, und über die Erde zog weißer eisiger Dunst. Da war ein Schuttfeld, und es war mit dem Trümmerhaufen am Rande wie eine weite Rund- bühne. Fünf Panzer rollten herauf, weiß angestrichen, und sie standen in der weißen Flut wie die Torpedoboote. Ein Mann mit kurzen Beinen und mit einem schweren Kopf auf dem kurzen stãmmigen Körper Sah sich diesem stummen Halbkreis plõtz- lich gegenüber. In der vergangenen Nacht hatte er seinem Kommandierenden General telephonisch zugesagt, seinen Gefechtsstand zu verteidigen, und jetzt kam er aus der Balka seines Kommandeurs, der sich dieses Versprechen noch einmal durch Handschlag hatte besiegeln lassen. Er trug wie auch in der Nacht vorher den Kara- biner an der Schulter. Er besaß einen Karabiner, und die Koppeltaschen waren mit Patronen gefüllt, und da standen die fünf weißangestrichenen Panzer mit erhobenen stummen Geschützrohren, und vor dem Eingang zu seinem Bunkerloch stand ein Trupp Rotarmisten. Es war die ähnliche oder sogar die gleiche verzweifelte Situa- tion, in der die Armee und seine Männer sich nun schon seit vielen Tagen befanden. Ferngespräãch und Nahgespräch und Handschlag und den Karabiner an die Backe reißen und piff-paff, auf die Rotarmistengruppe, auf den Panzer, auf die Panzer- gruppe! Schießen, natürlich kannst du schießen und kannst dich umlegen lassen!
354


