Der Chef des Panzerkorps mit einigen jüngeren Offizieren standen hinter dem Ge- schütz mit verzerrten Gesichtern und feuerten heraus, was sie konnten. Auch die russischen Granatwerferbatterien begannen wieder den Hof mit Granaten zu be- legen. Es gab Tote, es gab Verwundete umter den Deutschen , unter den Russen. „Totschlagen, die Hunde! Miederschießen 1“ riefen einzelne. Aber die Masse stand da, die Waffen weggeworfen, viel zu apathisch, um etwas zu unternehmen. Im letzten Moment sich noch niedermachen lassen, nein, das wollten sie nicht! Sollen es die Russen machen! Und die Flak hämmerte weiter, und die Russen schossen weiter. Noch einmal ging ein Irrsinnsschrei himmelan, aus zweitausend, aus dreitausend Kehlen. Es strömten von der Straße her noch immer neue Massen von Männern an, die sich ebenfalls gefangengeben wollten. Es vergingen Minuten, bis das Flak- geschütz zum Schweigen gebracht wurde. Es vergingen zwanzig Minuten, bis der russische Kommandeur mit einem Gespräch über einen herangezogenen Draht er- reichen konnte, daß auch das Feuer von der russischen Seite her wieder eingestellt wurde. Fünftausend Soldaten und Offiziere, darunter eine Anzahl Oberste und einige Generale gaben sich hier gefangen.
Es war eine Stunde vor Tagesanbruch.
Vom Flugplatz, vom Tatarenwall her rollten russische Panzer gegen den Stadtrand. An der einen Stelle hatten die Soldaten den„richtigen Riecher“. Sie legten ihre Waffen auf den Grabenrand, standen hoch auf, hoben die Hände und ließen, ohne einen Schuß abzugeben, die Panzer vorbeirollen; und die Panzer rollten bis vor die Stabsquartiere. An einer anderen Stelle begann das schwere MG noch einmal zu rattern, hoben sich noch einmal Hände mit geballten Ladungen, und der Panzer kurvte durch den Graben, und seine Ketten zermalmten die Männer, und wer noch in Panzerlõchern hocken blieb, wurde von der abgesessenen Infanterie erschlagen. An noch einer anderen Stelle(eine Anzahl Schützenlöcher, in der Mitte ein Erd- bunker) fuhr plõtzlich ein Feuergefecht auf. Der Bataillonskommandeur hockte zusammen mit seinem Adjutanten, dem er seit Stunden Selbstmordgedanken aus- zureden hatte. Draußen begann es zu flackern. Die Tür flog auf, und ein Umer- offizier fiel blutend das Erdloch hinunter und rief:„Die Russen sind da!“ Der Bataillonskommandeur:„Die weiße Fahne raus!“ Im gleichen Moment knallte ein Schuß, und der Adjutant brach zusammen mit einem Schuß in der Schläfe. Das alles war so jäh, der in den Bunker hereinfallende und jetzt am Boden verrõchelnde Unteroffizier, daneben der baumlange Leutnant mit dem Schläfenschuß, daß der Kommandeur ebenfalls nach der Pistole griff und nicht wußte, daß er es tat. Da packte ihn eine Hand und eine aufschreiende Stimme:„Hert Hauptmann, Sie dürfen nicht!“ Und diese Hand und der Aufschrei und das in panischer Angst verzerrte Gesicht des Gefreiten, und er begriff erst, und zusammen mit dem Gefreiten war- tete er, bis die Russen in seinen Bunker hinunterkamen.
An noch einer anderen Stelle war es der General Vennekohl, der von allen seinen Leuten verlassen auf dem von Russen schon durchsickerten Gelände, und ohne
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