links, an beiden Flanken des Hauses angelehnt, kämpfende Truppen zurück. An den Seiten und hinten wurde noch geschossen und die brennende und rauchende Fassade und ein Teil des vorderen Flügels ragte schon in wieder russisch gewordenes Land. Und hier an der Frontseite des brennenden Hauses war es, wo sich alle Kellerluken öffneten, wo es aus Löchern, aus Fenstern, aus Mauerspalten herausquoll. Und das waren ein Oberstabsarzt und ein Trupp Arzte, mit den überlebenden gehfähigen Verwundeten und Kranken und auch mit solchen, die nicht mehr gehen, die aber noch taumeln oder auf dem Schnee rutschen und gleiten und so in die Gefangen- schaft gelangen konnten. „Ich gehorche!“ Dieses Wort hatte Straßen in Todesstraßen verwandelt und Häuser in Beinhäuser und Lazarette in Kampfplãtze, und es hatte das Land zwischen Wolga und Don und nach Süden bis zur Karpowka zu einem weiten Leichenland und hatte Regi- menter und Pivisionen zu Herden hoffnungslosen Schindviehs gemacht, und einmal war dieses verhängnisvolle Wort ausgeblieben. In der Stunde, da dieses Wort nicht mehr das Fußvolk und die Hauptleute und Truppenführer betraf, da es die Spitze der Pyramide, den Kopf der militärischen Hierarchie erreichte, und da es für den Kopf zur persönlichen Forderung wurde, war es ausgeblieben. Da war ein Mann mit einem durcharbeiteten müden Gesicht, da war eine Hand, die müde Schreibtischhand eines preußischen Generalstäblers. Die Hand hielt den Marschallstab, und der Stab war gegeben, damit sie ihn erkaltend umschließe. Der tote Feldmarschall an der Wolga : das war die Forderung, und nach sechs Milliarden verpulverter Reichsmark und nach zweimalhunderttausend Mann vertaner Menschen- leben war es nicht nur die Forderung eines wahnsinnigen„Führers“, war es der gebieterische Imperativ der auf Broberung ausgezogenen und zum zweitenmal inner- halb derselben Generation scheiternden Kaste. Der tote Feldmarschall an der Wolga und damit die erreichte Kammhöhe des Todes?uges, damit die Krone auf der bleichen Stirn der untergegangenen Armee, damit das aus Schneefeldern auf- leuchtende Fanal, damit Wegweiser einer kommenden Generation und einem aber- mals zur Wolga aufbrechenden Broberungszug: das war die Idee, und es war der Befehl, und es war das Gesetz, das in diesem Falle, im Hirn und im Herzen des Feld- marschalls, Blut vom eigenen Blute und Fleisch vom eigenen Fleisch war. Der Mann war todmüde und dabei von flackernder Unruhe. Das Zucken der Ge- sichtshälfte— vom Ohr verlief es bis zur Schläfe und Stirn bis zum Kiefer— war in dieser Stunde nicht anders als eine aufs Brett gespannte und sich in letztem Krampf aufbãumende Handflãche, und nicht eine um den Marschallstab gespannte Toten- hand, diese Gesichtsatrophie wird das in die Zukunft wirkende Symbol dieser Stunde bleiben. Das verhängnisvolle Wort, das bis zu dieser Stunde den Tod von zweihundert- tausend Männern beschlossen hatte, war ausgeblieben. Da saß ein Mann hinter
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