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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
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loch war es zu sehen) flackerte ein Infanteriegefecht. Ein Unteroffizier verabschie- dete sich von seinem Hauptmann:Wenn Sie wieder nach Wien kommen, Herr Hauptmann, dann grüßen Sie bitte die Witwe Kumitsch von mir! Der Haupt- mann rief ihm nach:Machen Sie doch keinen Quatsch, Kumitsch! Aber Lawkow Sah den Unteroffazier davongehen mit diesem eigentümlichen Schritt, den er bereits kannte. Dieser Selbstmörder, sein ausgerissener Bataillonsführer, ein Oberleutnant Wedderkop, ein grobknochiger Holländer, ein General, den die Landser(und nicht erst hier im Keller, auch schon früher bei der Truppe) Baron von Schnuller nennen, und Gesicht an Gesicht, und man stolpert über Tote, und Stall hinter Stall, und Höhle hinter Höhle, man kann immer ringsherum gehen, ein einziger großer Zirkus, aber ohne Flitter, alles Grau in Grau, die Scheinwerfer gelöscht, die Gesichter abgeschminkt, das Pulver verschossen, die strahlende Pantomime zerfallen, die Schöne wälzt sich in Bauchkrämpfen und beschmutzt ihre Laken, es ist tiefe Mitternacht: das war der Keller.

Oberstabsarzt Simmering war seit seiner Ankunft der Pienstãlteste unter den Krzten im Gebäude der Ortskommandantur. Er saß im Krztezimmer, und da der leitence Oberstabsarzt nicht zu erreichen war, hatte er sich von Stabsarzt Bäumler eine Ubersicht über die Lage im Hause geben lassen. Die übrigen Krzte waren im Hause verteilt. Die ãrztliche Tãtigkeit bestand nur noch, wie Bäumler ihm mitgeteilt hatte, im Zusprechen von Trost, während die Arbeit des Personals darin bestand, die Toten laufend auf den Hof hinunter zu befördern.

Die Reste einiger Sanitãtskompanien waren hier eingesetzt und etwa zwanzig Arzte. Die Zahl wechselte, verursacht durch Abgänge oder durch neu Dazukommende. Als Bäumler vier Tage vorher hier eingetroffen war, lagen über tausend halbverhun- gerte Schwerverwundete im Haus, die bis dahin nicht verpflegt worden waren und um die sich auch niemand gekümmert hatte. Wie viele es im Moment waren, das sei nicht mehr festzustellen. Das Haus sei bis zur Grenze seines Fassungsvermögens belegt. Die Verwundeten lägen ungeschützt auf der Erde, in den Gängen, in den Treppenhäusern und in den zerstörten Räumen bis ins dritte Stockwerk hoch. Außerdem seien die Kellerräume überfüllt, teils von einer kämpfenden Truppe, teils von einer starken Abteilung Feldgendarmerie, außerdem von Flüchtlingen und Versprengten. Um das Haus selbst sei bisher nicht gekämpft worden. Aber in den Nachbarruinen säßen Truppen, und um die Machbarruinen gingen Kämpfe. Und da kãme es auch vor, daß Granatwerfer- und Panzergeschosse ins Haus einschlagen, die dünnen Zwischenwände durchhauen und Opfer fordern. Das Sanitätsmaterial sei zu Ende und ebenso die Verpflegung.

Das war der Inhalt des Berichtes des Stabsarztes Bäumler.

Oberstabsarzt Simmering ließ sich von Bäumler durch das Haus führen, zuerst durch den Keller. Er blickte in die überfüllten Räume der Versprengten, in die Quartiere der Feldgendarmerie, in die Unterstände der kämpfenden Truppe. Er Sagte nichts, schüttelte nur den Kopf. Der Weg ging weiter, über die Treppe. Diese

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