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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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Der Chef saß hinter seinem Schreibtisch. Ein Mann mit energischem Gesicht, mit Augen, die so glänzten, daß Huth zuerst an Morphium dachte, dann aber diesen starren Glanz auf Angespanntheit und Uberspanntheit eines Charakters deutete. Nicht so sehr Huth, aber Carras, der Offizier vom Dienst, noch ein anwesender Offizier, die den Chef bisher in Raserei ausbrechen sahen, wenn nur das Wort Kapi- tulation in seinem Umkreis fiel, und der bis zu dieser Stunde Generale, die an Kapitulation dachten, mit Erschießen bedroht hatte, erlebten eine ernste Uber- raschung.

Der Chef wandte keinen Blick von dem Arzt. Es war ihm nicht anzusehen, was er dachte. Aber er ließ den Arzt sprechen, ließ ihn auch Worte sagen, die er sonst niemals geduldet hatte. Er wandte einmal den Kopf und lauschte nach draußen auf das jetzt regelmäßige Krepieren von Granaten und hörte dann weiter zu. Huth hatte geendet.

Der Chef sagte und da wurde die Uberraschung der anwesenden Herren schon zur Befremdung zum Oberarzt Huth:Setzen Sie sich bitte, Doktor, und ge- dulden Sie sich einige Minuten! Panach verließ der Chef das Zimmer, ging zum Adjutanten des OBs, rief den Dolmetscher der Armee heraus und wwechselte einige Worte mit dem Dolmetscher. Er ließ den Hartmann-Nachfolger, den General Roske rufen und hatte mit ihm ein kurzes Gespräch. Er schickte einen Ordonnanzoffizier in die Nachbarruine, um den dort liegenden Artilleriekommandeur, zu dessen Be- fehlsbereich die Ruine des Hauses der Roten Armee mit dem daneben gelegenen Theaterkeller gehörte, rufen zu lassen. Danach stand er vor dem Zimmer des Feld- marschalls. Doch er überlegte es sich anders, ließ die Hand von der Tür wieder los und zog sich zurück.

Und auch diese hohe Stalingrader Hausruine und die Gesichter in ihrem Gemäuer und was in der letzten Nacht in den Lagerräumen und Kellern vorging, das let?te Verzucken eines Armeehauptquartiers, auch das Gespräch zwischen dem Chef der Armee und Dolmetscher und General , das nicht nur die Ubergabe des Theater- kellers, das auch die Ubergabe des Armeehauptquartiers betraf, zu einer Stunde, in der die Männer ringsumher weiter starben, wie sie siebenundsiebzig Tage lang gestorben waren, da die Männer nach wie vor an den niemals aufgehobenen Kampf- befehl:Bis zur letzten Patrone gebunden waren: auch das sei nicht vergessen!

Die Masse der nach Stalingrad strõmenden Verwundeten ist im Gebäude der Ortskommandantur Mitte zu sammeln und dort zu versorgen! lautete einer der letzten Armeebefehle.

Als Oberstabsarzt Simmering mit dem Verwundetenzug aus Gumrak in die große Toreinfahrt einbog und auf den Hof heraufkam, wurde es bereits dunkel. Als der verwundete Leutnant Lawkow durch das Tor kam und den Hof betrat, standen Sterne am Himmel, die Mauern des Gebäudes hoben sich blau in die Nacht, und der vor den Fenstern des Erdgeschosses aufgeworfene Haufen, um den man herum-

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