Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
326
Einzelbild herunterladen

Der Kommandeur erwidert:Kapitulation gibt es nicht! Und der Hauptmann: Ja, ich weiß, die sind oben ganz und gar verrückt geworden! Der Kommandeur spricht wieder, aber er redet bereits ins Leere hinein, denn die Verbindung ist ab- gerissen, der Draht ist abgeschnitten. Der Kommandeur schickt ein Kommando nach vorn, um den Hauptmann festnehmen zu lassen. Das Kommando meldet zurück, der Bunker sei von innen mit Tischen und allem möglichen Zeug verbarri- kadiert, und der Hauptmann erkläre von innen her, bis zum Morgen halten sie es schon noch aus, und am Morgen wären die Russen da! Oder in noch anderen Fãllen hört der Kommandeur nichts mehr, weder von dem Truppenoffizier noch von dem ausgeschickten Festnahmekommando, und Offiziere und Kommando sind zu- sammen verschwunden.

80 sicht es zur Stunde an der Frontlinie aus, Herr Feldmarschall!

Ja, das ist allerdings ganz, ganz anders! erwiderte der Feldmarschall.

Da war dieser Ausbruchsbefehl, Herr Feldmarschall!

Ja, dieser unglückliche Ausbruchsplan!

Es hatte sich bei diesem Plan darum gehandelt, daß das Panzerkorps über die Wolga hinüber und in Richtung Osten, die Infanteriedivisionen in Richtung Norden, Rich- tung Süden, Richtung Westen ausbrechen sollten, es hatte sich um ein zentrifu- gales Zersprengen der Armeeteile in alle Himme richtungen gehandelt, und dieser Plan mußte fallen gelassen werden.

Dieser Befehl stand auf völlig irrealem Boden, und die Infanterie hat dafür kein Verstãndnis aufbringen können, Herr Feldmarschall. Auch die Rücknahme des Befehls hat die Kluft, die sich hier zwischen Truppe und Führung gezeigt hat, nicht wieder schließen können. Dieser Befehl wirkte zusätzlich der äußeren Um- stãnde zersetzend. Und nun 18t die Truppe sich auf, zerfällt in Teile, treibt ir Zer- Splitterung, ins Chaos.

Die Armee schweigt. Aber einen Befehl erwartet die Truppe noch: den Befehl, der dem Chaos entgegensteuert und der statt der haufenweisen und anarchischen Gefangengabe die organische Kapitulation einleitet!

Kapitulation ist verboten! wiederholte der Feldmarschall seinen Spruch, der nun schon viele Tage hindurch sein einziges Wort war, und die eine Hälfte seines Ge- sichts begann wieder krampfhaft zu zucken. Aber, Herr Feldmarschall, das bedeutet, die Truppe weiter in die Auflösung zu treiben. Wollen Sie es dazu kommen lassen, daß die Leute hier in Ihren Bunker eindringen. Man wird kommen und wird Sie hier erschießen! Wollen Sie es denn unter den Augen der Russen zu einer Revolte kommen lassen, Herr Feldmarschall? Lieber Steinle! Der Feldmarschall stand auf, und er lächelte ein wissendes- cheln:Dazu kommt es nicht, seien Sie dessen versichert, lieber Steinle! Im übrigen danke ich Ihnen!

Damit war der Oberst entlassen. Mit taumelnden Gedanken bewegte er sich durch den Keller. Der Feldmarschall weiß, der Theoretiker weiß so viel von der hier

326