gefechtsstand, und so war die Tür offen für Ordonnanzen und Melder und für alle möglichen Leute mit allen möglichen Aufträgen und auch für solche, die nur vor- gaben, irgendwelche Aufträge zu haben.
Geschosse der schweren Artillerie Zogen ihre donnernden Bogen. In nächster Nähe
krachten Panzergeschosse. Eber dem Hof hing eine Leuchtrakete, sie tropfte und tropfte und erhellte jeden Winkel. Der Armeestab, seit der Einkesselung hier in seinem fünften Quartier, konnte nicht mehr umziehen, saß mitten drin, war fest- genagelt an der Stelle. Die Feldgendarme waren von der gleichen Unruhe erfaßt, die das ganze Haus erfüllte, und ihre Blicke, die gewohnheitsmäßig jeden Ankom- menden mit geschärfter Aufmerksamkeit und schnell erwecktem Mißtrauen be- trachten, wandten sich immer wieder den Winkeln des Hofes und dem dunklen Schlund der Toreinfahrt zu, als erwarteten sie dort in jedem Moment das Unbekannte aufspringen zu sehen.
Fin Oberst, noch ein Oberst, ein Hauptmann, ein Oberarzt begehrten im gleichen Moment Einlaß. Der Oberst wollte zum Oberbefehlshaber, der andere Oberst ge- hörte zum Armeestab, der Hauptmann aus einer Infanteriedivision hatte sich beim IIA der Armee zu melden, der Oberarzt war Viktor Huth.
Fin aufgeregter Arzt, ohne Kopf bedeckung, ohne Mantel, aus dem Theaterkeller, wollte zum Oberbefehlshaber der Armee. So was hãtte zu anderen Zeiten ein gemüt- liches und belustigtes Lächeln hervorgerufen. In dieser Stunde war der Oberarzt ohne Mütze und Mamtel nur ein Gesicht in einem ganzen Reigen, nur eine Figur aus dem Spuk, der immer wieder neu aus den Pflastersteinen des Hofes aufbrach. Ein Feldgendarm, der etwas angetrunken schien, sagte:„Mensch, hau schon gut- willig hier ab!“ Es kam aber so, daß im nächsten Moment Huth mit der gan?en Gruppe der Feldgendarme und mit den anderen hier Einlaß Suchenden langaus- gestreckt auf den vom Schnee gesäuberten und gefegten Pflastersteinen lag. Eine Granate, die auf dem Hof niedergegangen war und zischend krepierte, streute ihre Splitter und ließ sie gegen das Gemãuer prasseln. Neben Huth lag der zum Armee- stab gehörige Oberst, der das Anliegen Huths überhört hatte und der jetzt, als sie wieder aufstanden, zu ihm sagte:„Kommen Sie bitte mit mir, Herr Oberarzt!“ Und von diesem Oberst geleitet, gelangte Huth durch das Spalier der Feldgendarme; die beiden wachehabenden Offiziere grüßten. Türen waren nicht da. Ein dunkler Schlund õffnete sich. Eine Schräge Rampe führte hinunter in den Keller. Hier unten Sah es nicht anders aus als in einer Großgarage. In der Mitte eine breite Rollbahn, rechts und links von Betonpfeilern getragene und von Betonbogen überwölbte ein- zelne Abteile mit Fenstern an den Außenwänden, die zu einem Drittel über den Erdboden ragten und gegen den Beschuß mit Sandsäcken verstellt waren. Diese einzelnen Abteile waren mit rohen Bretterwänden vom Gang getrennt, und roh gezimmerte Verschlagtüren führten hinein. In den Räumen brannte Licht. Auf dem Gang gab es nur Licht, wenn eine der Türen offenstand.
Und hier, nicht weit von der Einfahrtsrampe, Stand Oberarzt Huth und wartete
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