Und auch dieser auf dem Trümmergelände zwischen Wolga und Zariza gelegene Keller, achthundert Mann in tiefster Not ihre eigene Leichenrede anhörend, Pfarrer, todesmatt von der Last der Sterbeseufzer und strauchelnd, die Auflösung einer riesigen Armee widergespiegelt im Zittern einer Hand, die letzte Stunde des Theater- kellers: auch das sei nicht vergessen!
Die Ruine des großen Stalingrader Kaufhauses— Stellenweise bis zur halben Höhe, Stellenweise bis zum Erdgeschoß eingefetzt, stellenweise noch bis zur alten Höhe aufragend und das Innengehäuse von Infanteriekmpfen demoliert und schließlich ausgebrannt— war eines jener Gebãude, die von den beiden zuerst in Stalingrad eingebrochenen Regimentern der Division Hartmann Raum um Raum und Treppen- absatz um Treppenabsatz genommen und verloren und wieder genommen worden waren.
Die Kaufhausruine war zuerst die Stelle des Regimentsgefechtsstands des I.R. Roske, SPãter Divisionsgefechtsstand der Hartmannschen Pivision gewesen. Die Regimenter waren dahingeschmolzen. Die Division zählte nicht mehr Bataillonsstärke und war einige Tage vorher südlich der Zarizaschlucht noch weiter aufgerieben worden; dort war es auch gewesen, wo der Divisionskommandeur, General von Hartmann, den Bahndamm bestiegen hatte und, von einer russischen Infanteriekugel getroffen, gefallen war.
Diese nur noch dem Namen nach bestehende Pivision war nun von einem der Regimentskommandeure, dem Obersten Roske, übernommen worden, und dieser Hartmann- Nachfolger war jetæt der Herr der Kaufhausruine und Gastherr des Ober- befehlshabers der Armee, der mit seinem Stab, mit Offizieren, Beamten, Feldwebeln, Schreibern, Ordonnanzen, mit einer Wachttruppe und einer Truppe der Feld- gendarmerie hier eingezogen war.
Wer vom Theaterkeller her durch den engen Straßendurchlaß auf den Platz herauf- kam, schritt an der Schmalseite des Platzes an einigen Häusern vorbei, faßte die gegenüberliegende hohe Eckruine ins Auge, sah vor der Toreinfahrt die 10,5-cm- Haubitze, dahinter die Bedienung; neben der Einfahrt stand ein Doppelposten der Feldgendarmerie. Hatte er den Torweg passiert, kam er auf den Hof, und hier er- blickte er in der linken Ecke, und dieses Mal gleich ein ganzes Rudel jener Gestalten mit Blechschildern vor der Brust, mit gesunden vollblütigen Gesichtern unter den Stahlhelmen, und diesem Rudel Feldgendarmen, das wie ein Korken teils in dem großen Eingangsloch steckte, teils das Fingangsloch umgab, waren zwei Offiziere beigegeben.
Die Feldgendarme, bei denen sich jeder ausweisen mußte und die festzustellen hatten, wer der Ankommende war, woher er kam, wohin(in welche Abteilung und ?7u welchem Herrn) er wollte, diese Feldgendarme waren noch da, doch sie funk- tionierten nicht mehr so richtig. Die Keller der Hausruine beherbergten ja nicht nur das Armeehauptquartier, sie waren gleichzeitig Regiments- und auch Bataillons-
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