er auf, ging müde weiter, ließ sich stumm neben dem nächsten nieder. Doktor Huth mit seinen vierunddreißig Jahren ein Gesicht wie eine Mumie, aber mit aufmerk- Samem Ausdruck, bemerkte alles, die beiden Pfarrer, die vor sich Pahindösenden, die lautlos Sterbenden, auch die, die in aufwallender Wut die letzte Kraft ihrer Herzen verbrauchten. Einen jungenhaft wirkenden Zahlmeisteranwärter betrachtete er, die hohlen Augen und die langen Finger seiner Hand in dauernder Bewegung. Er hörte den Panzerleutnant brüllen, und es waren keine Panzerbefehle, sondern Befehle, wie sie im Graben gegeben werden, und sicherlich war der Leutnant zuletzt infanteristisch eingesetzt gewesen. Pann hörte er den Hauptmann neben sich schluchzen. Er begriff, daß der nahe einem Weinkrampf war.„Was ist los, Hauptmannꝰ Ich mache Ihnen das, aber warten wir noch etwas!“
Doch nicht darum handelte es sich in diesem Augenblick für Tomas, sondern um eine Brinnerung, die ihn völlig übermannt hatte. Die letzte Wehrmachtsendung, die er angehört hatte, war die Ringsendung der Neujahrsnacht gewesen, und um die Ansage Königsberg hatte es sich da gehandelt, die war lange in ihm nachgehallt wie eine verzweifelte und wehmütige Musik; die Königsberger Ansagerin war näm- lich seine Verlobte, und die Stimme, die er da vernommen hatte, war die seiner Braut gewesen. Das war in der Neujahrsnacht, jetzt aber war da der Tenor des Reichs- marschalls:
„Weltanschauung.. Weltanschauung.. granitne Weltanschauung... Welt- anschauung, die unser Führer geschaffen hat... Welche Kraft aus dieser Welt- anschauung... welche Segnungen... Pflicht der Führer, ein Vorbild zu sein... Welche Herkulesarbeit unser Führer geleistet hat... aus diesem Brei, Menschen- brei..... eine Stahlharte Nation werden zu lassen!“ lautete es, und gleich danach hieß es:„Ein Führer, der der größte Deutsche der Geschichte ist!“ Aber das wurde nicht mehr gehört, das ging unter in Auf heulen, in Klagen, im Aufschrei„Abstellen“ und im Auf᷑ und Ab:„Abstellen- Anhören!“ Per Panzerleutnant brüllte:„Munition her! Lebhafter feuern! Liegenbleiben, wollt ihr wohl liegenbleiben! Schießen!“ Ein Hauptfeldwebel kam die Treppe herunter mit einem Armvoll abgeworfener Würste, große rote Würste.„Panzerregiment 36! rief der Feldwebel. Leute vom gleichen Regiment, die in einer Ecke lagen, brüllten aus Leibeskräften:„Hierher, hierher, Herr Oberfeldwebel!“ Alles schrie:„Mir auch, mir auch, Herr Oberfeldwebel!“ Piese Würste waren ein Aufwühlen, im Mu waren sie verteilt. Wer davon abbekom- men hatte, Schlang gierig in sich hinein. Andere saßen herum, sahen zu und fielen nachher erschöpft zurück; und auch die gegessen und geschlungen hatten, waren davon erschöpft und legten sich auf die Seite. Hinweg über die Ohnmãchtigen zog die Stimme des Reichsmarschalls:„Der eisige russische Winter und auch die Schwäche verschiedener Führer wurde überwunden 5 über allem war auch hier wieder der Führer, der mit seiner Kraft die Ostfront ge- halten hat.. Dann kam der Tag, da zum erstenmal deutsche Panzergrenadiere in die Hochburg von Stalingrad hineinstießen und sich an der Wolga , dem Schick-
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