„Jawohl, ich komme in den Himmel!“
Ein Revolverschuß hallte durch die eisige Luft, das war eine Stunde vor Hellwerden, und es war das Ende eines Ausbruchsversuchs. Major, Intendant, Hauptmann und Leutnant lagen im Kreise um den Toten herum. Als das erste Licht von der Wolga heraufkroch, hoben sie sich auf. Mit erhobenen Händen näherten sie sich dem näch- sten russischen Posten.
Auch dieser Oberstleutnant, Major, Intendant, Hauptmann, Leutnant und ihr ge- scheiterter Ausbruchsversuch waren ein Zug an dem in Auflõsung begriffenen Gesicht, und auch diese Wanderung in Gänselinie wolgaabwärts und der Tod im Morgen- nebel zwischen Zariza-Süd und Beketowka: auch das sei nicht vergessen!
Schwarz und massig mit anderthalb Meter dicken Mauern erhob sich das Haus des Volkskommissariats des Innern, von den deutschen Soldaten das GPU-Haus genannt. Das Gebäude war zerbombt, die Dächer weggefegt, die oberen Stockwerke aus- gebrannt, und Bombendurchbrüche führten wie Lichthöfe bis in die unteren saal- artigen Räume hinunter. Die massiven Außenmauern gewährten einen bedeutenden Splitterschutz und sicherten den Hof, der weit wie ein Exerzierplatz war, vor direktem Beschuß.
Auf dem Hof stand eine Feldküche, der seit Tagen bald mal Holz, bald mal Wasser fehlte, und vor der Tag und Nacht in langer Schlange die Essenholer standen. Gleich hinter der Feldküche, auch neben dem durch den Schnee getretenen Weg zum Abort und auch sonst verstreut auf dem Hof lagen steifgefrorene Tote. Opfer des Beschus- ses aus russischen Granatwerferbatterien, die den Hof unter Feuer hielten. Aber auch jene, die in den Sälen starben, wurden nicht mehr begraben, sondern heraus- getragen und in den Schnee gelegt.
Die Reste eines Panzerkorps, die Trümmer von zwei motorisierten Divisionen und Splitter noch anderer Truppen, die am westlichen Stadtrand eine Art HKI. hielten und auf Straßenzugängen und in herumliegenden Ruinen Feuerstellungen besetzt hatten, lagen hier im Quartier, zusammen an zweitausend Mann, und mit der Ver- wundetenmasse und den Belegschaften in den benachbarten Hausruinen waren hier an fünftausend Mann versammelt. Das Volk bewohnte die über der Erde gelegenen Saalartigen Räume. Die Stäbe, und die waren da in großer Menge, saßen unter der Erde in den an langen gewölbten Gängen gelegenen Gefängniskellern. Vor den Zugängen zu den Kellerräumen waren Doppelposten aufgestellt, die jedem Un - berufenen den Zutritt verwehrten.
Fine dieser Zellen, sechs Schritte lang und zwei Schritte breit und etwa in Manns- höhe mit einem kleinen vergitterten Fenster versehen, bewohnte Generalleutnant Damme, der seine ganze Division verloren und nichts mehr hinter sich hatte und nur von den Herren seines Stabes, welche in den Nachbarzellen Quartiere bezogen hatten, begleitet war. Seit vierundzwanzig Stunden aber war Damme plõtzlich wieder Befehlshaber über eine Truppe geworden. Der Kommandeur des Panzerkorps, der
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