Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
304
Einzelbild herunterladen

losgelassen, hob sich der Türdrũcker wieder, und das Türschloß schnappte in seine Zarge zurück.

Der Mann mit dem langen Fahtermantel schritt durch die Stadt der hundert Balkas. Schnee und unter dem Schnee ein gestürztes Haus, unter dem Schnee ein zusammen- gebrochener Personenwagen⸗ unter dem Schnee Stuck und Sãulen und verborgenes Treppengelãnder, umer dem Schnee eine Mumie und eine aufragende dürre Hand, und am verschneiten Schutthaufen und an der vereisten Wagenform, am gestauchten Fahrstuhlgestänge, an der aufragenden dürren Hand fimmerte blaues Licht, und durch die Fenster einer hohen Hausfassade blickten Sterne.

Der Mann ging eine lange Straße.

Sein Weg führte ihn durch Hausdurchbrüche, über Höfe, vorbei an langen toten Mauern, die neben- und übereinander nichts als Loch an Loch und Reihen und wieder Reihen hohler Bensterlõcher waren. Nicht aus?udenken, daß da einmal Kanali- Sation und Wasserleitung und Läden und Büros und Theater und Restaurants und Straßenbeleuchtung und Krankenhäuser waren. Fine gestorbene Stadt, vor tausend Jahren umer einem Aschenregen versunken und in dieser Minute jãh wieder empor- geschleudert in die Sternennacht, und da war noch das Beben in den Gründen und da war noch die rieselnde Asche. Und in der de waren die Schritte eines Lebenden. Der Mann gelangte auf einen weiten Platz und in den Bereich des vom vereisten Strom aufzichenden Dunstes. Im Dunst wie eine Reihe aufblitzender Straßen- laternen Raketengeschosse, verlõschten und standen wieder da, weiß und flackernd. Auf einem Dunstberg ein prennendes Haus, ein?weites prennendes Haus glühte im Nebel, noch ein drittes Spie schwarze Qualmmassen, die bis zum Himmel auf- Hatterten. Dieses dritte Brandhaus war ein Eckgebäude mit drei Flügeln, die ehe- malige Ortskommandantur, in welcher auf Befehl der Armee die nach Stalingrad strõmenden Verwundeten gesammelt worden waren. An jener Straßenecke und rechts und links dieses hohen Gebäudes war eine Schießerei im Gange, Feuerstõße aus MGs, krepierende Panzergeschosse, auch das scharfe Krachen feuernder Flak- geschütze. Der Mann überquerte den Platz, tauchte ein in das jenseitige Straßen- labyrinth. Wie Geröllwege abfallende Gassen. Unten der Uferstreifen. Verkohlte Holzhäuser . Zäune und Toreinfahrten verschwunden. Wie Striche aufragend Zer- fetzte Baumstümpfe. Zusammengesunkene Schuppen, ein Fisenbahngleis, auf dem Gleis von Schüssen durchlöcherte Lokomotiven. Einen Finblick und Hinabblick auf dieses von Bunkern unterküftete und von Laufgräben durchzogene Gelände gab es nur hinweg über Erd- und Trümmerwälle und quer durch Stacheldrahtgespinste. Dieses am Ufer des vereisten und schneeüberwehten mächtigen Stroms liegende Gelãnde war das niemals betretene und niemals in Besitz genommene neunte Neuntel der Stadt.

Der Mann wandte sich wieder und kehrte dem Fluß und dem Uferstreifen den Rücken, verschwand wieder im Straßen- und Ruinengewirr. Purch ragendes, von

304