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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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erwiderte Vilshofen , und er knöpfte seinen Mantel zu und blickte sich nach seinem Rucksack um. Wirklich peinlich und tief bedauerlich, dachte Gönnern , aber er war erleichtert. Auch die übrigen Herren atmeten auf. Es war da ein Gerücke mit Stühlen, es waren da auflebende Stimmen. Es tauchte da nochmals ein Päckchen Zigarren auf, und einer der Herren zündete sich eine Zigarre an, nicht ohne vorher auch seinem Nachbarn eine angeboten zu haben.

Was ist denn nun schon wieder? fragte Gönnern ärgerlich.

Wieder ein Fernspruch wegen des brennenden Lazaretts, wieder dieser Leutnant, Herr General!

Welcher Leutnant?

Ein Leutnant Lawkow.

Stellen Sie sich vor, ein aufgeregter Leutnant, wandte Gönnern sich seinem Nach- barn zu,Sagt, da würde geschossen wie von hundert Affen, und wir möchten unsere Truppen zurückiehen. Wir haben aber doch gar keine Truppen dort!

Das habe ich ihm gesagt, Herr General! warf der Hauptmann ein.Aber er sagt, die ganzen Befehlsunterstellungsverhältnisse seien so verwirrt, daß überhaupt nie- mand mehr durchfindet, und daß da vielleicht doch..

Aber wir haben doch überhaupt nichts mehr, wir haben doch nichts als nur noch unseren Gefechtsstand!

Und da war dann Vilshofen noch einmal. Er stand jet?t mit dem umgehängten Ruck- Sack an der Tür:Eine Frage gestatten Sie mir noch, meine Herren! Unser ganzes langes Gesprãch wäre sonst ohne Sinn gewesen! Ich habe vorher hier die Tendenz bemerkt, nichts zu tun und das Ereignis an sich herantreten zu lassen. Auch nichts gegen sich selbst zu tun, ich meine, auch nicht die Hand gegen sich selbst zu er- heben.. Mein Gort, geht das nun schon wieder l0s!

Dieser Vilshofen ist ja geradezu wie der rauhe Strick, den wir nötig haben, um uns aufzuhängen!

Bs ist zum Verzweifeln, aber andererseits ist es wahr, die Frage ist in der Tat nicht geklärt!

Nach dem Untergang der ganzen Mannschaft am Leben zu bleiben, ist natürlich, das verstehen Sie recht gut, nichts als negativ. Und selbst den Absprung vom sinkenden Schiff tun, den Sie den Männern verwehrt haben, ist eine Inkonse- quenz, für die auch das Moment der Befehlserfüllung nicht mehr in Anspruch zu

nehmen ist.

Und da ist meine Frage: Wie Stellen Sie sich das eigentlich vor, einmal wieder in Deutschland der Kapitän

eines großen Schiffes, eines mit der gan?en Mannschaft umergegangenen großen Schiffes Spaziert da als einziger kperlebender über die sonnenbeschienene Straße, ein riesiges Schiff, eine riesige Mannschaft, große Haufen hinterbliebener Frauen der versoffenen Mãnner, noch grõßere Haufen hinterbliebener Kinder dieser Männer,

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