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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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beiden weißhaarigen Männer gingen mit vielen der Vilshofenschen Argumente einig; doch der eine sah nicht die Zielrichtung der anzusetzenden Generalattacke, und der andere konnte nicht so schnell herum und konnte auch nicht begreifen,

daß er mit sechig Jahren beginnen könnte, gegen sich selbst und einen langen Lebens-

weg Sturm zu laufen. Der eine stand neben seinem Koffer, schluckte eine Pille und trank einen Schluck Wasser hinterher, das er von seinem Adjutanten gereicht erhielt; der andere saß nach wie vor eingemauert in sich selbst, aber doch auf das hörend, was gesprochen wurde. Da saß der Oberstleutnant Unschlicht, einmal hatte er die Blockflõte gespielt, und nicht etwa weil er musikalisch war, sondern im Gegenteil deshalb, weil er gänzlich unmusikalisch war, und weil man auch etwas gegen sich tun und sich disziplinieren und auch gegen sich streng sein muß; und Oberstleutnant Unschlicht, voll der durch den Keller tobenden Wirrnis, wehrte sich dagegen, da hineingezogen zu werden; seine vorspringende große Nase bewegte sich weder nach rechts noch nach links, seine Augen waren weit und sein Gesicht verklärt. Da war der Graukopf mit dem kurzgeschnittenen Borstenhaar, der Divisionsveterinãr, der den Vilshofenschen Ausführungen, einem Teil jedenfalls, mit beinahe fachlichem Interesse gefolgt war. Es war ja fast, als ob dieser General einmal Viehdoktor in einem Landbezirk gewesen wäre. Dieses Bild der Schindmähre aber hier auf den Soldaten übertragen, mun, man muß da zugeben, wenn man die Augen auftut, kann man wirklich allerhand zu sehen bekommen! Und die Gedanken des Divisions- veterinärs Schweiften ab. Ja, wenn man da mal wieder rauskommt, man wird die Uniform aus?ziehen, und Vieharzt auf dem Lande ist noch nicht das schlechteste, und derartige Aufregungen hat man da auch nicht. Und Vennekohl, als das Wort von dem Sichumblicken gefallen war, war aufgeschwollen bis in den Kamm. Was meint er denn nun schon wieder? Dieses Kauderwelsch ist doch voller Fußangeln. Und da steckt doch schon wieder eine ganz persönliche Anpöbelung. Er hat doch da schon vorher, wie ihm scheint, eine verpaßt und durchgehen lassen. Gerade heute, wo man so janz und jar nich auf der Hõhe is, so eine Bejejnung. Man is doch schließ- lich kein Jeneral Baron von Schnuller, der sich da inMitte in ein Loch verkrochen hat und janischt mehr tut. Man steht doch seinen Mann. Nun, man wird ihn auch hier stehen. Und General Vennekohl in seiner körperlichen Zerfallenheit und seinem Elend gab sich einen Ruck. Und jetzt, bitte Sehr, soll nur noch etwas kommen. Dem wird aber pariert, daß es nur so brummt!

Meine Herren, blicken Sie sich im Kreise um; und sie blickten sich, mit Ausnahme des Oberstleutnamts und des Generals aus dem Süden, wirklich im Kreise um. Und da war nichts Besonderes, da waren bekannte Gesichter, etwas erregter, etwas ab- wesender, etwas feierlicher als Sonst, aber eben doch gewohnte Gesichter. Es be- durfte eines Vilshofens und des Stromes aus seinem Munde, um alles zu übersteigern, um Gedanken auf die Spitze zu treiben, um Dinge auf Messers Schneide zu legen. War denn die Wirklichkeit überhaupt so so ungewöhnlich? Ja, zweifellos war es eine ungewöhnliche Nacht. Zweifellos war es die Nacht eines Schlußstrichs. Zweifel-

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