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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Generale des Lumpenkerls Genossen und Helfer. Und Hände, gestern noch nach dem Licht der Ewigkeit greifend, und heute umspannen sie das ãngstliche Flackern des eigenen Kleinen Lichtleins, und können es doch in dem Sturm, der sich erhebt, kaum vor dem Frlöschen bewahren.

Meine Herren, blicken Sie sich um da draußen!

Da draußen, das wußte man, draußen war die Nacht hell und voll blendender Schnee- reflexe und überspannt von einem wunderbaren Sternenhimmel, und über der Stadt- mitte und dem Platz dort brummten Propeller von Transporiflugzeugen und schweb- ten Verpflegungsbombon abwärts, und an der Zariza schwelten Brände, und in der Mitte dammte Rauch auf, und auch das Gebäude der Ortskommandantur hüllte sich in Qualm, ein weites Feld spitz aufragender weißer Kegel und Ruinenfetzen und Schuttbãuche und Trümmerhalden, und am Stadtrand sah man den Himmel und die Sterne, und in den engen Hausdurchbrüchen und Labyrinthstraßen, wo der tiefziehende Nebel sich staute, Sah man den Himmel und die Sterne nicht. Nacht ohne Laternen, doch mit dem reihenweisen Aufblitzen heulender Raketengeschütze. Und man hörte das Fauchen der Raketen und das Krachen von Werfern, das Stõhnen der Siechen- und Verwundetenkeller unter der Erde hörte man nicht. Und man brauchte sich da draußen nicht umzublicken, diese vom hohen Himmel überwölbte, unter Beschuß liegende Stadt und das Sterben in ihren Schlünden trug man in sich. Meine Herren, blicken Sie sich hier im Kreise um!

Da saß Gönnern , der fleißige Gnom und Arbeiter auf zwei Ebenen, und was ihm die Praxis seiner Kommandeurstellung zugetragen und was er an militärtheore- tischem, wirtschaftlichem, politischem und hergebrachtem allgemeinem Wissen be- Saß, das hatte er umgegossen(und die Arbeit am Schreibtisch hatte manchmal den größeren Teil seiner Zeit beansprucht) und verwertet, das aufsteigende Tausend- Jahr-Reich zu beweisen, und wo sich häßliche Grimassen gezeigt hatten, da war es ihm, und manchmal im Schweiße seines Angesichts, gelungen, solches als Ausdruck der notwendigen Geburtswehen neuen Werdens darzustellen, und über solche gärende Tagesarbeit hinaus hatte er Gedankengut für ein umfassendes Werk zusammen- getragen, und da saß er nun in seiner Höhle am Ende des rohen Holztisches, ge- schrumpelt und mit gefurchter Stirn und mit nach innen gekehrtem Blick, der Kel- terer zwischen seinen zerbrochenen Töpfen, die Flüssigkeit ausgelaufen, und was er für Wein gehalten, roch sauer. Da stand der Edelmann mit dem weichen, weißen Haar, auf seinem Wege als Hitlergeneral mehr als einmal aufgescheut, wie ein ner- võðes Pferd vor dem im Nebel auftauchenden Dornbusch, und mehr als einmal nur durch die Zusammenraffung aller seiner Seelenkräfte vor dem Durchgehen bewahrt, und in dieser Stunde der tiefsten Verfahrenheit fehlte ihm nichts als bedenkenloses Lospreschenkönnen. Doch wohin nach Westen hatte er gewollt, sich durchhauen zum deutschen Heer oder dabei untergehen, das hätte seiner Art entsprochen, und dieser Weg war verwehrt worden! Da saß der andere General, der mit seiner Frage- stellung dieser wilden MühleVilshofen neues Wasser zugeführt hatte; und diese

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