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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
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wurde! Welches Denkmal wollen Sie ihm setzen, meine Herren, welche Inschrift seinem Grabmal einmeißeln?

Für Führer, Volk und Vaterland? Aber der Führer ist abgeschrieben, das Volk hat mit den wahnwitzigen Hirngespinsten dieses Führers nichts zu tun, es ist in diesem Krieg überhaupt ohne Stimme geblieben, und das Vaterland hat an der Wolga keine Grenze zu verteidigen!

Da der Führer schief steht, befindet sich die Gefolgschaft schon völlig auf schiefer Ebene. Alle Linien auf den Karten der Unterführer, alle Zahlen auf den Rechen- tischen der Stäbe sind Zeichen auf Sand geschrieben. Das Teil der Kommandeure ist der Zwiespalt, auf der einen Seite die tragfähige, geduldige, gehorsame Truppe, auf der anderen Seite die Wahnsinnsbefehle. Gehorcht er den Befehlen, so richtet er die Truppe zugrunde; gehorcht er den Befehlen nicht, so steht er vor einer Mauer, die aut ihn niederzufallen und ihn zu erschlagen droht. Was tut er, geht er den Weg des Gewissens? Mein, er geht den Weg des geringsten Widerstandes, er gehorcht und führt den Befehl durch und richtet die Truppe zugrunde.

Der Schweiß der Besten ist nichts anderes als der ins Meer fallende Schweißtropfen des Galeerensträflings. Keine Spur bleibt, und auch die Summe gesammelter An- strengungen zeitigt kein Werk. Die Truppe, über welche die Lawine des nicht enden- den Wahnwitzes weggeht, wird nun wirklich in den Boden hineingerollt. Der Soldat, der sich aus der Katastrophe wieder erhebt, marschiert in die nächste hinein und bewegt sich weiter über die nicht endende Katastrophenstraße. Seine Schultern sind geprellt, sein Rückgrat verbogen, seine Füße hornige und eitrige Klumpen, abgetriebenes, lungenpestiges verbrauchtes Mutztier(und, meine Herren, gehen Sie durch die Stalingrader Keller und blicken Sie sich um), die Manneskraft geschrumpft, und da ist dann wirklich die erblindende euterlose Kuh, die sich schon auf ihren morschen Knochen niederläßt und alle viere von sich strecken will; und auch der Schinder ist da, und auch die Schinderknechte sind da, die mit Knũtteln und Hieben auf᷑ die vchaumignassen Schnauzen und mit Fußtritten gegen die geschwollenen und aufgetriebenen Flanken die elende Kreatur wieder aufjagen und weitertreiben auf der Straße zum Schindanger. Und, meine Herren, ich wiederhole es noch einmal, blicken Sie sich um, da draußen in den Kellern, und blicken Sie sich auch hier im Kreise um..

Was war mit diesem Vilshofen und was war dieser Vilshofen ?

Fin Panzerregimentsführer, ein Kampftruppführer, ein Oberst und eben beförderter General, ein zerschlissenes graues Panzergespenst. Dichter und Wahrsager, Hoch- verrãter, Eidbrecher, Lästerer, Denkmalerbauer und Denkmalzerstörer, und vielleicht war Vilshofen und war alles ganz anders. Stalingrad brannte, und die Woge des Unter- gangs stürzte sich schon in den Keller. Was gestern fest schien, lag am Boden. Gestern Stolze Wahrheit und heute schwelender Schutt. Erster Schritt ins Tausend-Jahr- Reich und Sprung in die Irre. Der Führer einGenie und jetzt des Genies bleiches Nachtgespenst, der Wahnwitz, und dazu einhergelaufener Lumpenkerl, und

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