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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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Widerstandslinien, die blasse Theorien waren. Und Sie wissen auch nicht, wie die

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Truppe unter Ihren Händen zerflossen ist. Widerstandsbefehle! Halten um jeden Preis! Da zeichnen Sie Widerstandslinien in Ihre Karten, nennen sie Veilchen, nennen sie Sonnenblume', wären Sie doch einmal gekommen und hätten Sie sich dieses Veilchen', diese Sonnenblume angesehen. Wie sieht es aus, wie sehen die Männer aus, haben sie noch einen Bissen Brot, wie viele Schuß haben sie noch? Abgerissen wie Sie von der Truppe sind, einmal in Ihren abstrakten Lagebildern, Zum andern Mal und in den Stunden des Debakels auch technisch und verbindungs- mäßig, wissen Sie es nicht! Kein Praht, keine Strippe, weder geistig noch tatsãchlich, führt nach vorn. Vorn geht alles zu Bruch, vorn fällt alles. Hinten wird reingegriffen. Vorn ist die Welt des Unterganges. Hinten moralisches und physisches Verkommen. Und da, in Trãnenkloaken und Fiterbecken greifen Sie hinein. Da kommt der Nach- schub, kommt das frische Blut her, das Sie der Truppe zuführen. Das geht nun schon Wochen, und das geht, bei Kletskaja angefangen, schon siebenundsiebzig Tage so.

Siebenundsiebzig Tage! Ein Zug der Strapazen und des Sterbens, ein Zug von Opfern, von unerhörten Opfern. Und das ist die Kehrseite der Verwirrung, Kopf- losigkeit, Nervosität, Verzweiflung, Angst, Panik, der Niedergeschlagenheit, der Sklavischen Befehlsdurchführung und Demoralisierung in den Stäben und in der Umgebung der Stãbe. Je dicker der hinten aufwallende Sumpf und je mehr er um sich greift, und je näher er schon an die vorderste Linie heranleckt, um so größer reckt sich der Mann in der Hauptkampflinie auf.

Der Mann mit dem Spaten und dem Infanteriegewehr auf den Schneefeldern der Stalingrader Westfront, im Kampf gegen Infanterie, Panzer, gegen die hartgefrorene Erde, gegen den fürchterlichen Himmel, gegen den nagenden Hunger...

Der Mann bei Ilarinowski, vor Höhe 135, im Niemandsland, und keine Graben- wand, und vor der Mase kein Drahtverhau, im Loch von Panzern überrollt, auf- gereckt mit der geballten Ladung, und wieder Panzer und wieder zurückfallend, tot oder auch verwundet...

Der Mann hinter dem Flakgeschütz im Erdkampf, vor sich die Feuerwand, nach hinten die Verbindung abgerissen, keine Munition, kein Sprit für die Zugmaschine, der letzte Schuß verfeuert, das Geschütz gesprengt...

Der Mann, geschlagen und zurückgehend, hundertmal geschlagen und hundertmal auf dem Rückzug, an hundert Widerstandslinien(die keine waren und nichts als Linien auf Generalstabskarten) sich wieder erhebend und wieder die Stirn kehrend gegen eisige Schneestürme und gegen rollende Feuerwände..

Der Stalingrad -Soldat, seine Genügsamkeit, Anpassungsfähigkeit, Zähigkeit, Aus- dauer, seine Leidensfähigkeit, stummes Ertragen von Qualen, seine pünktliche Pflichterfüllung, sein Ausharren und Kämpfen bis zum letzten, welche Höhe an unpathetischem und stummbleibendem Kämpfertum! Und schließlich auch sein Glaube, sein unbedingter Glaube, der sein Größtes war und der seine größte Schuld

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