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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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Mit alten, schwachen, kranken Schinderkühen, Herr General! Zwanzig- und fünf- undzwanzigjährige gesunde und starke und saubere Männer in nabel- und hoden- brüchige, knieschwammige, zitternde und stelzende Kreaturen verwandeln, und Geschöpfe, schon nicht mehr von dieser Erde, aus ihren Sterbelöchern wieder auf- stõbern und zum Gegenstoß aufstellen, das halten Sie für erlaubt, Herr General? Meine Herren, fuhr der General aus dem Süden nochmals auf.

Erlauben Sie, was ist es denn, was sage ich denn? Ich sage: Front und Stab sind zwei Welten! Erinnern wir uns doch: es ist noch nicht so lange her, da sahen wir hier auf diesem erschütterten Boden ein Korpsstabsquartier. Herren an ihren Arbeits- tischen, ausgeschlafen, gebadet, rasiert.. pünktlich, fleißig, genau abrollende Tages- routine. Morgengymnastik, beim Essen lange Hose, fast wieder Kasinobetrieb. Auf der Straße Morgenreiter, tänzelnde Pferde, in der hellen Morgenluft Pferdewiehern. Ich muß sagen, so was haben wir(ch stand da mit meinem Adjutanten Latte) lange nicht mehr zu sehen und lange nicht mehr zu hören bekommen. Und erinnern wir uns doch, erinnern wir uns genau, Herr Oberstleutnant, das war im Dezember, ein Morgen, wo eisige Dunstbäuche wie langsam weidende Herden über die Steppe und durch die Schlucht zogen. Es war Ende Dezember, zwischen Weihnachten und Neu- jahr, also die Zeit, in der die Männer der Westfront im Schnee schliefen und Blut im Harn und im Kot hatten. Und an diesem Morgen im Nebel Hundegebell und Pferdegestampfe und auftauchend und vorbeischlendernd, im Linksgalopp, im Rechtsgalopp der Kommandierende General, Oberste, Hauptleute, Leutnants hinter- drein. Herr Oberstleutnant fabelhaft im Sattel, das war im Vorgelãnde des Rossoschka- tals. Der Korpsstab veranstaltete eine Schleppjagd, eine in jeder Beziehung reichlich verspãtete Hubertusjagd. Ja, glauben Sie denn nicht, meine Herren, daß der Mann im Schnee, mit einer Tagesportion von hundert Gramm Brot, mit Harnzwang und Ruhr, daß der nicht nur an eine andere Welt, daß er in seiner ersten Verwirrung glaubte, gestorben zu sein und im Nebel die Welt der Gespenster reiten zu sehen! Nicht Sie, Herr General, auch nicht Sie, Herr General(Vilshofen wandte sich an die beiden im Keller anwesenden Kommandierenden Generale), auch nicht ein dritter, auch nicht ein vierter Kommandierender General, aber ein fünfter ver- anstaltete in solcher Zeit eine Jagd. Sie hatten andere Sorgen, ich fühlte mich dazu verpflichtet, das auszusprechen. Doch das ist hier auf diesem vom Sterben erschüt- terten Boden geschehen. Und erinnern wir uns doch, daß wir noch Weihnachten, noch Neujahr feierten, daß ein Kommandeursgeburis ag, die Verleihung eines Ritter- kreuzes, eines Eichenlaubs immer wieder Anlaß zu einem schlichten Beisammensein mit Alkohol bot; und daß dann, wenn einmal ein Fronthauptmann ein Ritterkreuz feiern wollte, auch nicht eine einzige Flasche Kognak aufzutreiben war.

Ja, meine Herren, ich muß sagen, das Wort von den zwei Welten ist nicht aus der Luft gegriffen, es ist begründet. Und, meine Herren, um zu unserer Sache zurück- zukehren: ich muß sagen: das Maß unserer Leiden ist voll. Unsere Zerquältheit ist so groß, daß uns schon egal ist, wenn unsere Schwären öffentlich zur Schau ge-

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