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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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da, wo man endgültig mit sich ins reine kommen mußte und Letztes zu beder ken hatte!

Vilshofen hatte sich an den anderen Kommandierenden General gewandt. Der war offen und aufnahmebereit, hegte auch keinerlei sonderbare Gedanken gegenüber

Vilshofen . Im Gegenteil, er fand, daß Vilshofen ein sympathischer Mensch und ein

angenehmer Gesellschafter sei. Und mein Gott, die Dinge sind ernst und über- steigert genug, daß es wirklich starker Worte bedarf, um sie anzusprechen.

Die beiden nahmen am Ende des Tisches Platz.

Gewiß, es ist wahr, einer der alles zerredet und alles übertreibt!Und nicht nur in Worten, auch mit Dingen, auch mit Menschen, Herr General. Jedes Stück Fisen mußte zu einer Kanone, einem Gewehrschloß, einem Geschoßteil werden. Und jedes Stũck Leder, jeder Faden Textil, alles ohne Ausnahme mußte dem glei- chen Zweck, einzig und allein dem Schießen und dem Zerschossenwerden zugeführt werden! Totaler Krieg, wir wußten es eigentlich besser, aber wir glaubten ihm, wenn er sagte, daß nur wir das können!

Nur zu wahr, Vilshofen . Ich selbst war auch fast wundergläubig geworden! Nun, ja, der Mann war so eine Kraft, seine Methoden der reinen Gewalt so verblüffend, die gezeitigten Erfolge so überraschend... immerhin, wir dürfen doch in Anspruch nehmen, daß wir sie seinerzeit bei dem berüchtigten Kommissarerlaß, auch bei der Bestimmung des Einbrennens von Zeichen in die Körper von Kriegsgefangenen, daß wir immer, wenn die da oben ganz und gar verrückt wurden, ganz erhebliche Schwierigkeiten gemacht haben!

Auch hier, was Stalingrad , diesen militärischen Wahnsinn anbelangt, wurde nach- drücklichst protestiert! warf Gönnern ein:Nein, wir waren nicht blind, und in unserm Frontbereich ist ein höchster Erlaß bei weitem nicht immer maßgebende Richtlinie gewesen. Vilshofen , Sie waren immer vorn, und Sie ahnen nicht, in welchem Zwiespalt zwischen sittlichem Empfinden und oldatischer Gehorsamspflicht' wir uns da oft bewegt haben!

Zwiespalt! Halbheit! sagte Vilshofen Scharf.Ich denke da an Woroponowo und an Kampfgruppe Döllwang, und wäre es nur Kampfgrup Mlwang, Gönnern ! Ja, ja, es muß ausgesprochen werden, sagte der andere.rvorstellbares Grauen, und nicht zufãllig. Wir selbst sind beteiligt, wir haben uns da hineingeritten! Wir wußten es in unsern besten Stunden zwar besser, aher Wissen ist noch nicht Tun! sagte Vilshofen , und er wurde unruhig und wurde wieder brennend und wurde wieder die Fackel, die Brandflocken und Ruß schleuderte und General und Oberst und Oberstleutnant und Veterinär und alle einbezog. Und es war doch wahr- lich nicht die Stunde für Rückschau und weise Betrachtung(da war doch noch eben an der Schulter Gönnerns ein Hauptmann gewesen:Herr General, draußen brennt ein Lazarett!).

Wir wußten es, und wir wissen es. Wir wissen in dieser Minute, da draußen brennt es, an einer Stelle, an zehn Stellen. Stalingrad brennt. Und wo es nicht brenm, hat

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