gekränkt und mit dem Ausdruck: Mir langt es jetzt aber! Zarte Züge mit dem Ausdruck einer migränekranken Frau und dabei besorgt und teilnahmsvoll an einem ruhelos auf und ab Wandernden haftend. Dann war da noch ein graues, noch ein zweites, noch ein drittes graues ausdrucksloses Gesicht. Das war der Keller, das waren die Gesichter, das war der trübe Brei, in den Vilshofen zurückfiel.
„Aber, meine Herren!“
„Aber, mein General...
Vilshofen hatte denselben General im ersten Weltkrieg als Hauptmann erlebt, wie er schon zerschleißende Soldatennerven wieder zusammenbrachte, wie er aus dem Graben herauskletterte, in aufspritzendem Artilleriefeuer einherstelzte, sich Feuer für eine Zigarette reichen ließ, sein„Danke“ schnarrte und so sein junges Leben beispielshalber aufs Spiel setzte; und sein altes Leben, das war zu sehen, war ihm nichts mehr wert, und nicht um seines Lebens willen hatte er sein Wort gesprochen, es war ihum nicht die Wand, sich dahinter zu verkriechen. Aber da hatte er sich wieder niedergelassen, und da saß er wieder auf der Bank des Schweigens, ein sehr weiß gewordener, ein sehr alter Mann. Man kann doch aber nicht so ein Wort aus- sprechen und sich damit ins Privatleben zurückziehen! Und da gibt es keinen alten und auch keinen steinalten Mann, noch dazu auf Stalingrader Boden, wo man Leichen fechten läßt.
„Für den nicht. Ich denke nicht daran. Nein!“ sagte der General noch einmal und wurde wieder zu einem Stein.
„Meine Herren, es ist natürlich klar,„der“ ist nichts ohne die ihm geliehenen Gene- ralsarme. Und was not tut, ist die volle Kehrtwendung, und da heißt es nicht nur: Kehrt, sondern: Kehrt, marsch! Jawohl: Spielleute an den rechten Flügel! Sprung auf, marsch, marsch, Hurra!“
Vilshofen war der, den die Herren am Tisch gerade nötig hatten, um sie daran zu erinnern, daß sie noch anderes als schweißtreibende Nacken, als stille, ausgelittene Masken, als menschliche Leideformen, daß sie vernünftige und übrigens durchaus normale Wesen waren. Vilshofen war der gegebene Maßstab und brachte die Herren wieder zu sich zu ihrem angeborenen Selbstgefühl. Es war alles Abrakadabra, was er daherredete, aber es war geradezu erhebend, und die Perplexheit fiel ab. Venne- kohl war noch immer hohl, noch immer durchrieselt von diesem ekligen ruhelosen Sand, aber schließlich, man mußte Haltung zeigen, und er war soweit wieder her- gestellt, daß er sein Einglas eingeklemmt halten und diesen allmählich interessant werdenden Fall Vilshofen betrachten konnte. Der Mann is nu mal Attachè jewesen, und sowat redet von reinrasseln?, einen vollkommneren„Reinraßler hat man noch nich jesehn! Auch Gönnern machte sich Gedanken über Vilshofen . Ein Heißsporn ist er immer gewesen, und wenn dann solche Aufregungen dazukommen, ist es natürlich aus, dann bricht der zu straff gespannte Bogen, ein Mann mit so glän- zenden Gaben, man muß nur hoffen, daß er sich wieder fängt! Oberstleutnant Unschlicht war beschäftigt mit endgültigen Plänen, die Stunde war offensichtlich
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