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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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bringen wollte

nehmen, haben daran geglaubt; hier in einer Stalingrader Balka, in tiefster Finsternis ist mir erst der Star von den Augen gewichen.

Jawohl, Herr General, schön hereingerasselt sind wir mit ihm, der uns das Volk 1

Das war die Bemerkung, bei der der General mit zustimmendem Senken des Kopfes bekundete, daß er überhaupt zugehört hatte. Nachher war nur noch ein Zucken der Brauen, auch das hörte auf, und er war nur noch ein Stein, um den es rauschte und gurgelte. Und es waren überhaupt kaum Worte, was Vilshofen da redete, es war ein langer Blitz, der ihn durchfuhr.

Das Volk, das er uns bringen wollte, unser eigenes Volk, dem wir uns emfremdet hatten, er hat es auf den Block geschnallt; und wir haben dabei geholfen, nicht eben mit aufgekrempelten Armeln, aber eben wie das vollstreckende Instrument, das sich zu dem feierlichen Akt Handschuhe überstreift, und auch Wahnsinn hat eine ihm innewohnende Logik, und was uns persõnlich und einzeln dabei betrifft, die wir die Brückenbauer und Teppichausbreiter und Gehilfen waren, wir sind selbst Brücke und Teppich für den dahinschreitenden Fuß geworden, der Knecht ist Opfer ge- worden, und da liegen wir nun, gebunden und ohne Willen und ohne menschliches Gesicht, nicht anders als der Grenadier, als eine Armee von Grenadieren, ein Stein auf der Straße(und wenn die Straße noch nach irgendwohin führte), ein abgenutzter zerfahrener Stein auf der Straße ins Nichts.

Der Schnellzug rast dahin auf dem Weg ohne Schwelle und Schiene, und mein General, und auch du, General, auch ich General, wir sind nichts als Pleuelstange, als Kreuzkopf, als Kurbel am rasenden Eisen, und wir sollten doch Hand am Hebel, sollten doch der lenkende Mensch sein.

Und es ist ein hochtouriges Vehikel und läuft auf Vollgas- Bãume, Telegraphen- pfosten, Hausstümpfe, blutende Torsos, Männer mit verbundenen Köpfen, Selbst- mörderstirnen, Frauenhände vor das weinende Gesicht geschlagen, wie wesenloser Rauchstreif stürmt es vorbei wir fahren und wissen nicht, wohin wir fahren, worüber wir fahren, was unter unsern Felgen so laut heult. Der Führer sitzt am Lenkrad und sieht nichts, kann nichts sehen, die Windschutzscheibe ist blind von aufgeschleudertem Schnee, von Dreck, von Knochen, vom klebenden Blut auf- heulender zerfahrener Kolonnen. Der Führer führt und du, General, und ich General, wir wissen nichts, wir sehen nichts, wir sind nur die rollende und Mensch und Pferd und Fisen zermalmende Felge.

Das ist kein Angsttraum, das ist die Wirklichkeit.

Das war der Blitz, der Vilshofen durchfuhr.

Aufblickend fand er sich im Keller. Am Tisch eine Gesellschaft fahler Köpfe. Eine magere mit einem Trauring geschmückte Hand, die mit einem großen bunten Ta- Schentuch den Hinterkopf und auch den Nacken abwischte. Fin langes todernstes Gesicht und fast schon eine stille Maske. Ein Gnomenkopf, Zerknittert und durch- furcht und mit großen hochgeröteten Ohren. Noch ein Gesicht, etwas massig, etwas

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