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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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eigentlich ein großes buntes in einem PariserPrix fixe erstandenes seidenes Damen- halstuch, und wischte sich damit den Schädel. Der Oberstleutnant zeigte ein starres, aber ergebenes Gesicht. Dem jungen Hauptmann zuckten die Lippen.

Jetzt ist die Kalamität erst komplett! war das erste zu vernehmende Wort. Fs kam von dem General, in dessen Keller sich in derselben Stunde ein höherer Partei- beamter und ein H-Führer umgebracht hatten.

Und draußen polterte es:

Die Tür ist aufgesprungen und da drin...

Handgranaten, was?Da ist nur Matsch!

Ja, hat alle Leute aus dem Bunker geschickt. Hat die Eier rings um sich hingelegt, mit einer Zündschnur verbunden und mit einer Zigarre zur Entzündung gebracht! Der Divisionsveterinär kam zurück. Er setzte sich still an den Tisch.War eben- falls jung verheiratet. Der Sohn eines Justizrates aus Merseburg ! sagte er. Vilshofen hatte den Pistolenschuß vernommen und jetzt auch das Dröhnen der Handgranaten, aber er hatte weder das eine noch das andere beachtet. Da erschießt sich einer, da räumt sich einer noch totaler weg. Das geschieht in jeder Stunde, hier und im Umkreis, einzeln und serienweise(das mündliche Verbot des OB ist kein Kraut dagegen). Und das alles bleibt schon diesseits der eingesunkenen mor- schen Tür. Vilshofen aber stand schon vor der Pforte, da war Schnee und Macht und Grauen, aber auch schon aufdämmerndes Osterlicht. Wenn keiner es sah, in einem Paar brennender Augen hatte es einen Widerschein. Und auch der steinerne General, vor dem Vilshofen stand und zu dem er sprach, hatte den Schuß und das Geknatter kaum beachtet. Er stand da, hielt den Kopf etwas seitlich wie lauschend, nickte auch einmal, bewegte wie in angedeuteter Zustimmung die Brauen, er hörte es rauschen, es war aber nicht, als ob die auf ihn niedergehende Flut ihn berührte

oder auch nur erfrischte.

Es handelt sich da natürlich um keine brandneue Erkenntnis, Herr General!

hatte Vilshofen gesagt, daß nämlich der, der hier der in die Katastrophe treibende

Motor war, ein hergelaufener Lumpenkerl sei.In unserm Bewußtsein sind doch

noch Tatsachen lebendig, Herr General! Fritsch, Beck, Brauchitsch , Halder, Höppner

vor Moskau , Sponeck auf Kertsch . Die lange Liste abgesetzter, degradierter, ver-

urteilter Generale. Aber da ist noch die andere grundlegende Tatsache! Vilshofen

Sagte einiges über Brückenbauen und über Teppiche ausbreiten.Wir, unsere Be-

rufskaste, haben demHergelaufenen goldene Brücken gehaut und auf seinem Weg

Teppiche ausgebreitet, und nicht nur wir, auch unsere Sippengenossen von Kohle

und Bisen und mit antizipierten Herrschaftsplänen.

Jawohl, Herr General, antizipiert und zugleich antiquiert, diese Herrschaftsprojekte sind doch nichts als Kopien von englischen, spanischen, portugiesischen Originalen aus dem 17., dem 16. und 15. Jahrhundert, aber nichts Eigenes, nichts aus unserm Boden und aus unserer Volksseele Gewachsenes, und auch insofern hergelaufene Lumpenkerlideen, und Tatsache ist, wir alle, und ich kann mich da nicht aus-

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