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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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um, und auch Gõnnern wat nicht anzusehen, daß er verstanden oder auch nur gehört hätte. Gönnern starrte die Tür an, die sich vor einer Weile himter jenem Ober- leutnant Hesse und dem Hauptmann Dr. Weichbrot geschlossen hatte. Oberst- leutnant Unschlicht hielt sein langes Gesicht vornübergeneigt, daß man es nicht Schen konnte, und die knochigen Hände hatte er um das jetzt zugeklappte Gesang- buch herumgelegt. Der Divisionsveterinär war allerdings erstaunt über den Aus- druck des Kommandierenden Generals, wirklich verblüfft aber war er über das volle Päckchen Zigarren, das da einer vor seiner Nase aus der Tasche herausziehen kann, und man sah ihm an, daß er noch auf allerhand wunderbare Dinge gefaßt war. Hinter dem Divisionsveterinär, die Hand an dessen Stuhllehne, stand der Hauptmann, der doch sonst ein Gesicht wie eine Blume hatte und nun völlig ent- blättert und verstört war.

Gönnern starrte noch immer in einem Zustand der Entgeisterung die Tür an.Da haben wir's! sagte er fast gleichzeitig mit einem aufhallenden Pistolenschuß. Die Tür wurde aufgestoßen, ein Hauptmann kam herein:Hauptmann Dr. Weich- brot, Herr General...

Was, Weichbrot, welcher Weichbrot? Gönnern sagte es völlig verstört. Er starrte weiter zur Tür oder jetzt durch die offengebliebene Tür auf den dunklen Schlund des Ganges hinaus.

Der Hauptmann sagte:Dr. Weichbrot nahm im Bunker das Bild seiner Frau mit Seinem dreijãhrigen Sohn in die Hand und zündete es mit einem Streichholz an... Gönnern schien kein Wort aufzunehmen. Sein ganzes Wesen war gespanntes Lau- Schen. Nach draußen, auf den Gang hinaus, irgendwohin ins Unbestimmte. Auch andere blickten jetzt dort hinaus ins Dunkel. Nicht der General aus dem Süden. Der stand da, steinern, und es war ihm nicht anzusehen, ob er entgegennahm, was Vilshofen zu ihm sagte.

Der Hauptmann stockte einen Moment, dann setzte er wieder an:

Er hielt das Bild von Frau und Sohn in der Hand, bis es Asche war. Einer sagte zu ihm: Mensch, machen Sie doch keinen Quatsch. Poch er lief davon... Und da auf dem Gang... da liegt er. Finschuß in die rechte Schläfe. Er hatte bereits gestern den Divisionsarzt gefragt, wo man am besten hinschießen müsse!

Das Generalswort, dieser Selbstmord, noch ein drittes Aufbrauendes(der Veterinär hatte gesagt, man muß doch mal nach dem andern, dem Hesse, schen und war hinausgegangen) waren Sprossen der Leiter, an der alle sich bewegten, eine baumelnde Leiter, die jedem an anderer Stelle ein verborgenes Ende und jähen Absturz bereit hatte.

Es kam, was alle hatten kommen sehen, und dieses Mal war es wie von einem an- greifenden Infamterietrupp, ein schlagartiges, aber deutlich unterscheidbares mehr- faches Gedrõhne. Detonationen von einer Heftigkeit, daß der Tisch, an dem Gönnern Stand, an dem General, Oberst, Oberstleutnant, Hauptmann und noch ein Hauptmann Saßen, aufbebte, und General Vennekohl z0g jetzt ein Taschentuch hervor, es war

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