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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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die Sache gestorben, für die verruchte bis ins Herz stinkige Sache, und mit seinen Knochen wird getrommelt, auf daß der Zug des Todes weitergehe.

Und das darf nicht sein! Das Sterben, welches dem namenlosen Massensterben, dem Dreck und Blut und Fiter, körperlichen und seelischen, erst die Weihe gibt, welche das Sterben der Armee in einen NMimbus taucht und Menschenverachtung und Menscherzertrümmerung im Hunderttausend-Maßstab erst legalisiert und zum Exempel erhebt, dieses also geforderte Generalsterben darf nicht sein. Die Grube ist aufgerissen vom Don bis zur Wolga , es bliebe nun übrig sich selbst auch hineinzulegen, und sie würde zugeschüttet, über Soldat und General und Feldmar- schall, und das Verbrechen wäre eingesargt, und weiter wäre es doch nur der schwarze Schrein, aus dem das Verbrechen hundertfältig und ohne Ende wieder aufsprõsse. Und das will und kann und darf nicht sein!

Zerknirscht, verflucht, vor der eigenen Seele verdammt, und das Letzte darf nicht sein! Vilshofen war wie eingespannt in ein Feuerrad, und das Rad drehte sich über Schuttfelder, Brandstellen, Leichensteppe, Kopf oben und Kopf unten, verftucht und doch lebend, noch nicht gestorben und schon wiedergeboren.Meine Herren, begreifen Sie... das grüne Flackern des Weltuntergangs und Ostermorgenlicht zugleich am Himmel!

Sie begriffen nicht, nicht ihren Kommandierenden General, noch weniger Vilshofen , ein dürrer Stock, der in dieser wüsten Mitternacht Blüten trieb. Wie sollten sie einen General begreifen, der in Zungen redete!

Dieser Vilshofen war ja tatsächlich ein Wahnsinniger, noch dazu einer, der sich vervielfãltigte oder sich bereits auflõste, was dasselbe ist, und der plõtzlich die bren- nende Nabe des vibrierenden Rades war, der sich allen mitteilte, jedem was zu sagen hatte, ganz so, als hätte er da eben in einem Winkel des Kellers das Magiste- rium, das große Flixier, gefunden, von dem er allen abzugeben hätte.

Mensch, Gönnern ! Da liegt die morsche Tür. Der Weg ist offen. Jetzt raus, heraus aus der Verstrickung. Sie dürfen, Sie müssen sogar, denn nur der verdient sich... Und Sie, lieber Oberstleutnant, klappen Sie das Gesangbuch getrost zu, als Schild ist es nicht mehr vonnöten. Parole ist: Mit offenem Visier, drauf und dran.. Oberst Ringhardt, die Korruption der Nazibotschaft ist weit mehr als Anekdoten- stoff, es ist ernstes Material für einen Volksgerichtshof ...

Und entschuldigen Sie, Vennekohl, wenn ich Ihnen da etwas ins Gehege geraten bin. Halten Sie es einem zugut, der seit den Kasatschihügeln zu oft über das ge- stolpert ist, was Sie nun einmal da hinter sich auf dem Wege ließen! Und Vilshofen streckte Vennekohl seine Hand entgegen. Aber seine Hand blieb in der Luft. Venne- kohl wollte sie nicht bemerken. Nein, er bemerkte sie tatsächlich nicht. Er hörte auch nicht, was Vilshofen sagte. Sein Gesicht war papierweiß, und auch ohne das eingeklemmte Einglas sah das Auge wie ein blinder Scherben aus. Daß das Generals- wort auch ihm einen Weg öffnete, das sah er nicht; er begriff nur, daß da ein ernster Knochenbruch vorlag, und daß dieser Bruch allgemein war. Vilshofen blickte sich

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