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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
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bens, doch da war es schwach und ohne Kraft, und kaum, daß es das Ohr des Neben- mannes, der ebenfalls betäubt und im Hinübergehen war, erreichte.

Hier war es herausgeschleudert worden um gehört zu werden.

Da war der junge Hauptmann mit den zarten Wangen, und er wußte nicht, daß sein Gesicht grau wie ein Sack geworden war. Da waren andere, und sie blickten vom ersten zum zweiten General und zum dritten, vierten, fünften. Das Wort, das scharfe, verurteilende, vernichtende, das doch kommen mußte, kam nicht. Ein Ober- leutnant, der Führer eines Radfahrzuges, ein H-Führer, meinte, in den Augen des anderen Kommandierenden sogar Zustimmung und auf den Gesichtern von anderen mindestens Billigung zu lesen. Er sprang auf, öffnete seinen Mund, ließ ihn unter den Blicken des ganzen Kellers wieder zuklappen, ohne daß er sein Wort in die Stille hinausgeschrien hätte. Und dann, als sei es in diesem Moment das Aller- gegebenste, z0g er eine Zigarrenschachtel aus seiner Brusttasche, biß einer Zigarre die Spitze ab, zündete sie an und blies sie noch ringsherum an, und als sei nichts Besonderes geschehen, und ohne sich auch nur umzublicken, verließ er den Raum. Und noch ein anderer, der Adjutant Gönnerns, Hauptmann Dr. Weichbrot er war fünfunddreißig Jahre alt und vor seiner Tätigkeit in der Kriegsgeschicht- lichen Abteilung des Heeres Parteibeamter in Berlin gewesen stand eben- falls auf, und mit blassen Schläfen und spitz vorgerecktem Kinn ging auch er hinaus.

Das dauerte einen Atemzug lang und zusätzlich die Zeit, die jener Oberleutnant Hesse zu der Manipulation mit seiner Zigarre gebraucht hatte. Die Tür schloß sich auch hinter dem zweiten, hinter Hauptmann Dr. Weichbrot. Und die Bestürzung schwoll noch weiter an, und wenn eine Stille endgültig werden kann, wurde sie es hier. Vilshofen hatte weder den Abgang des Hauptmanns und auch nicht den des Oberleutnants bemerkt. Er hatte seinen langen, bis zu den Füßen reichenden Fahrer- mantel an, und den Rucksack, den er im Begriff gewesen war, umzuhängen, stellte er nochmals ab.

Das Wort des Generals aus dem Süden bedeutete eine volle Wendung. Für den den hergelaufenen Lump! hatte er gesagt für den nicht! Und Himmel, daß ich es so nicht geschen habe, daß auch ich gedacht habe, dem Gottesspruch durch geeig- nete Aufstellung etwas nachhelfen zu müssen!

Für den nicht...

Tieftraurig bleibt es, ein verwirktes Leben bleibt es, allzuspät ist es, nachdem die Bataillone und Regimenter erfroren in den Schluchten liegen.

Das schwarze Werk zu krönen, werden nach den Soldatenopfern ohne Ende, ohne Sinn, ohne Gnade die Generalsleichen verlangt(damit es eine mehr ist, wird ein Vilshofen General , damit es auch eine Feldmarschall-Leiche gibt, wird der OB Feldmarschall), und Gegenstoß oder Bahndamm oder einfacher Selbstmord giht dabei gleichviel, nur die Leiche muß her. Der tote Mann spricht nicht mehr. Mit dem toten Mann macht man, was man will. Der tote Mann ist dann schließlich für

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