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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Gelegenheit gefunden wegzudenken, nochmals Gelegenheit, die Beantwortung der quãlenden Frage aufzuschieben. Dieses Mal war Oberstleutnant Unschlicht der An- laß. Unschlicht hatte in seinem Gesangbuch eine der Stunde angemessene Stelle gefunden, die las er laut vor, und die anderen hörten zu.

Ach, Herr, wie sind meiner Feinde so viel

und setzen sich so viele wider mich!

Viele sagen von meiner Seele: sie hat

keine Hilfe bei Gott .

Aber Du, Herr, bist der Schild für mich

und der mich zu Ehren setzt und mein Haupt aufrichtet. Ich rufe an mit meiner Stimme den Herrn;

so erhört er mich von seinem heiligen Berge.

Ich liege und ich schlafe und erwache, denn der Herr hält mich. Ich fürchte mich nicht vor vielen Tausenden,

die sich umher um mich legen.

Auf, Herr, und hilf mir, mein Gott!

Denn Du schlägst alle meine Feinde auf den Backen und zerschmetterst der Gottlosen Zähne.

Bei dem Herrn findet man Hiffe.

Dein Segen komme über Dein Volk!

Na ja, is ja janz schön, ick lieje und schlafe. Aber wenn ich morgen erwache! Und

wenn Fr ihnen nun nicht den Backen und die Zähne zerschmettert, und es sieht doch bei Jott nicht danach aus, was wird dann?

Da war die Frage wieder, die unvermeidliche.

Vilshofen hatte sie mit seinem pietäãtlosen Herausbrüllen des NamensHartmann in den Mittelpunkt des Denkens gestellt, und man mußte antworten, so oder so. Dieses Mal grinste die Frage die Gesellschaft aus dem langen, kahlen Gesicht des Generals Vennekohl an. Ein Gesicht, das um so kahler war, als Vennekohl, sonst ein genauer und nücherner Generalstäbler, nach vierzehn Tage währendem alko- holischem Exzeß, eine ganze Kiste Kognak war dabei draufgegangen, schon fast vierundzwanzig Stunden ohne einen Tropfen geblieben war. Er hatte seine Zeit eigentlich bereits überschritten. Bei der letzten Flasche, das letzte Glas geleert und an die Wand geschmissen 8o hatte es geschehen sollen! Die letzte Flasche war am Vorabend geleert worden, und es war nicht geschehen. Danach hatte der Gegen- stoß die Gelegenheit bieten sollen, und der Gegenstoß war gewesen, und es war nicht geschehen. Jetzt wat er nüchtern, so wie er einmal und wie weit schien das zurũckuliegen als Arbeiter mit Zirkel und Rechenschieber gewesen war. Aber es wat eine andere Nüchternheit, es war Leere. So lang er war, fühlte er sich als ausgehöhlter Baum, und innen rieselte es. Er war so hohl, daß es nicht mehr zu der notwendigen Handbewegung und zu dem notwendigen kleinen Fingerschnipsen

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