Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
280
Einzelbild herunterladen
  

hat, wieder Erwägungen darüber, ob man nicht in den Gefängniskeller zichen, oder wohin man sonst umziehen könnte.

Der eine ist verrückt und unruhig, macht Pläne, um sie gleich wieder zu verwerfen, will umziehen und bleibt dann doch, ist immer wie auf der Flucht, und das ist jedenfalls ehrlich, es ist menschlich und ist verständlich im Rachen der kolossalen Hyãne. Der andere ist unbewegt und wie erstarrt. Vilshofen kannte ihn schon als nicht mehr ganz jungen Hauptmann im ersten Weltkrieg und weiß, daß er sich vor dem Teufel nicht fürchtet; und auch seine Starrheit ist ehrlich und ist menschlich, und es ist durch- aus verstãndlich, wenn man förmlich sieht, wie ihm die Haare wachsen, und wie er mit jedem Atemzug ãlter wird bei dieser fürchterlichen Schlußabrechnung eines Lebens. Wie, wie, wie 5

Das denken alle, die aufrichtig und ohne Rückhalt sind! Wie... wie ist es zu machen? Welcher Weg ist zu gehen? Hartmann! peitschte plõtzlich ein Name von einem Ende zum andern quer durch den Keller. Das war in dieser Stunde mehr als der Name eines Stalingrader Generals. Das war ein Erschrecken und veranlaßte ein allgemeines Stehenbleiben, ein Auf- atmen, ein Abbrechen mitten in der Anekdote; selbst der Divisionsveterinär hob den vornübergesunkenen Kopf und blickte sich verwirrt um, auch Vilshofen hatte den herausgeschrienen Namen und die Stimme wie eine fremde vernommen, und erst die auf ihn gerichteten Augen machten ihm bewußt, daß er der Schreier ge- wesen war.

General von Hartmann war der Kommandeur der 71. Infanteriedivision gewesen, derglückhaften Division, die in den Septembertagen als erste mit zwei Regi- mentern in Stalingrad eingedrungen war. Seine Soldaten haben als die ersten zu- gegriffen, und sie haben ihre Bunker mit dem Beutegut aus ganzen Stalingrader Stadtvierteln und die Schlucht ihres Kommandeurs mit Teppichen und Leuchtern und Beuteplunder ausstaffiert. Der Eroberer war Hert über ein ganzes unterirdisches Wohndorf, über Getreidespeicher, über eine landwirtschaftliche Experimentier- station, über Gemüse-, Geflügelfarm, über Kuhherden, eigene Meierei, eigene Dampfmühle. Kurze Herrlichkeit, versunkener Reichtum, verlorener Krieg. An der Zariza ist er auf den Bahndamm hinaufgestiegen. Hat dort am Winterhimmel ge- standen wie ein Kohlestrich, auf dem Kopf die hohe Pelzmütze und hat das Gewehr angelegt und leergeschossen. Eine russische Kugel hat ihn mitten in die Stirn ge- troffen. Wie ein Baum ist er umgeschlagen und den Bahndamm hinuntergerollt. Ja, er hat einen schönen und schnellen Tod gefunden, ein Schuß mitten in die Stirn, er war sofort weg!

Wie er dastand, das war Haltung, das war Preußentum.

Es War der letzte Preuße! sagte Vilshofen .

Der letzte, das verstehe ich nicht ganz!

Ich sehe noch nicht den nächsten, der auf den Bahndamm hinaufsteigt!

280