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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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ufer entlang, einmal durch gemischten Wald bis zu einer Wegkreuzung und wieder zurück, einmal durch offenes Getreideland, bis er sich rings umgeben von weitem Weizenmeer fand, und wieder zurück, einmal durch nackte Steppe bis zu einer Gruppe mit einem wilden Birnbaum und wieder zurück; und von Gumrak aus waren es Wege zuerst über den von einer unbarmherzigen Sonne gerissenen Steppenboden, später über den von Schnee bedeckten Steppenboden, zuletzt der Weg durch die Schlucht von einem Ende bis zum anderen, hin und zurück. Er brauchte Bewegung, um Gedanken zu denken, um Entscheidungen reifen zu lassen; er mußte sich be- wegen, um sein geistiges Gleichgewicht zu erhalten. Was ihn aber seit Tagen in Bewegung hielt, war kein Ausdruck seelischen Gleichgewichts mehr, war Ratlosig- keit, war Unruhe. Seit Gumrak hatte er einige Male sein Quartier gewechselt. Unter den Trümmern eines Getreideelevators hatte er eine Nacht geschlafen, unter der Ruine eines Hotels in der anderen Nacht, im Keller des Stadtgefängnisses in der dritten Nacht, und jetzt war er in diese Kasernenruine eingezogen, und hier wanderte er auf und ab, von der Pritsche zur Wand und von der Wand zur Pritsche. Der andere Kommandierende General, der aus dem Süden, saß steif auf seinem Stuhl. Er verharrte zwar ohne Bewegung an der Stelle, aber er war nicht weniger uhelos und nicht weniger von jagenden Gedanken durchtost. Noch wenige Tage vorher hatte er sich wie ein Jüngling oder kaum anders wie einmal als junger Haupt- mann gefühlt; jetzt Spürte er, daß er sechzig Jahre alt war. General Vennekohl saß auf seinem Stuhl, die Beine übereinandergeschlagen und völlig in Anspruch genommen davon, das eine seiner langen Beine ohne Aufhören auf und ab wippen zu lassen. Hauptmann Dr. Weichbrot und noch einige der jüngeren Herren saßen zusammen in einer Ecke und sprachen leise miteinander. Gõnnern hatte sich aus seinem Bücher- koffer einen Band Goethe ausgewählt und war damit an den Tisch gekommen. Oberstleutnant Unschlicht las in einem alten Gesangbuch und bewegte die Lippen dabei, und es kam vor, daß er, wenn er eine Stelle fand, die er für besonders schön und der Stunde besonders angemessen hielt, laut vorlas. Das waren dann Höhe- punkte der Stimmung, die in den Bunker Gönnerns eingezogen war. Gönnern hatte sich auch darüber ausgelassen:Man spürt die Nähe von etwas Großem! Kein obszöner Witz mehr! Fine feierliche Stimmung, wie August 19141 Das Gesangbuch und GoethesHaust 2. Teil! Aber warum denn nicht Rosenberg oder Spengler, dachte Vilshofen , oder Ziegler, Tönnies, van der Bruck, die haben doch wahrlich mit der Scheiße, in der wir drinsitzen, und mit der allgemeinen Gehirnerweichung weit mehr zu tun; und Gönnern hat doch sicher einige dieser Schwarten da, aber gerade der hat sich einen Band Goethe vorgenommen. Na ja: Verdammte, Rettung hoffend, schwimmen an, doch kolossal zerknirscht sie die Hyäne In Winkeln bleibt noch vieles zu entdecken, Erschreckichstes in engstem Raum.., das paßt auch besser! Poch in bezug auf Spengler und so weiter habe ich mir selbst den größten Vorwurf zu machen kaum einer hat so wütend wie

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