Ortskommandantur, für so ein Unvorstellbares. Und er hätte Loose nicht dort lassen sollen. Krepieren hätte er auch hier draußen können. Und es wäre immer noch einer dagewesen, der ihm die Hand gehalten hätte.
Endlich blieb er vor einem Haustor stehen.
Also hier rein, es ist doch alles egal. Erst mal schlafen, vielleicht was essen. Die Leute haben schon drei Tage nichts gehabt. Die sind kaputt. Nur der Dreck an den Uniform- rõcken und die steifgefrorenen Mäntel halten sie noch aufrecht. Auf der Armee melden wir uns morgen: Major Buchner mit siebenundzwanzig Mann. Der Rest einer Flakabteilung, vielleicht der Rest der ganzen Flakdivision. Bitte um die Er- teilung einer Aufgabe, und vor allem bitte ich wieder angeschlossen zu werden an den Futtertrog und wenn er noch so schweinemäßig ist. Ich kann doch die Leute nicht ohne Brot, doch nicht ohne alles, ich kann sie doch nicht glattweg verhungern lassen. Doch nicht dafür Mius, Don, Werchnaja Businowka, Kasatschi. Der arme Loose, ich hätte ihn nicht dort lassen dürfen. Man läßt doch einen Kameraden, mit dem man so oft in der Scheiße gelegen hat, nicht an so einem Ort zurück.
Zur Armee gehen wir morgen, erst mal auspennen!
Also rein hier, was ist das hier? Fine Dampfmühle, die Dampfmühle der 71. Infanterie- division. Die 71. I. D. hat eine Meierei und eine eigene Geffügelfarm(das war in der Balka bei Hartmannsdorf und das ist jetzt futsch), sie hat auch eine eigene Dampf- mühle. Also rein in die Mühle.
Da stand ein Feldwebel:
„Kinder, haut schon ab, die schießen uns doch sowieso das Dach überm Kopf zu- sammen!“ Und das hatte etwas für sich, da war ein Geflacker aus Granatwerfern und Salvengeschützen. Das bemerkte Buchner, als er auf dem dunklen Schlauch des Mühlenhofes stand und vor sich den Feldwebel, um sich herum seine siebenund- zwanzig hungrigen Mäuler. Und was heißt da: haut schon ab?
„Was fällt Ihnen ein, Feldwebel? Wir brauchen Unterkunft und Verpflegung!“ „Zu Befehl, Herr Major. Es ist nichts da, keine Unterkunft und keine Verpflegung!“ Der Feldwebel war gut ausgepolstert, unter dem Uniformrock ein richtiger Bauch, in solchen Zeiten. Ein breites, rosiges Gesicht und volle Backen, das sah Buchner im Schein der Salvengeschütze, und während es ringsherum zischte wie aus ge- platzten Dampfkesseln.
Buchner überbrüllte das Zischen:„Kehrt marsch, Feldwebel! Wir wollen sehen, was alles nicht da ist!“ Mit diesem Brüller— und das überkam ihn plötzlich— hatte er seine Kräfte fast erschöpft. Er war müde, die Schultern taten ihm weh; er konnte die eigenen Knochen fast nicht mehr schleppen. Und Loose und die Ortskomman- dantur gingen ihm nicht aus dem Kopf. Mein, man müßte ihn da tatsächlich wieder rausholen. Ein Mensch, mit dem man das letzte Stück Brot geteilt hat...
Auf dem Hof gab es das Mahlhaus, dann gab es da noch einen großen Raum und noch einen kleinen Raum. Der große Raum war überbelegt, wie der Feldwebel er- klärte. Den kleinen Raum bewohnte der Feldwebel, zwei Müller und ein Gefreiter.
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