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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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die Lawkow zu gehen hatte, und machte sie für eine halbe oder auch für eine ganze Stunde begehbar, so daß er schließlich, abgesehen von einigen Gewehrschüssen, die an Mauern Kalk aufspritzten, ungestört zur Ortskommandantur gelangen konnte.

Hier aber sollte Lawkow sehen, was er an den Kasatschihügeln, was er im Tulewoj- graben, was er in Gumrak nicht gesehen hatte, und was er und was kein mensch- liches Hirn ausdenken könnte, und hier geriet er in eine sehr ernste Sache.

Noch ein anderer hatte den gleichen Weg zurückgelegt, den Leutnant Lawkow gekommen war, nur daß dieser den Weg zweimal gemacht hatte, und sogar dreimal. Dieser andere war Major Buchner.

Die Wanderung Major Buchners durch die letzten Tage von Stalingrad hatte bei Woroponowo begonnen. Dort hatte er, nachdem Pitomnik gefallen war und die Russen gegen die Ringbahn andrängten, seine letzte Batterie schwerer Flak auf dem Bahndamm aufstellen müssen. Vergebens hatte er am Fernsprecher gehangen, das Panzerkorps angerufen, den Chef, den IA:

Seid ihr denn wahnsinnig, die Flak mitten auf den Bahndamm!

Befehl: Die Flak bleibt stehen, die Flak ist der moralische Halt der Infanterie! Die Flak blieb stehen. Resultat: sie wurde durch Granatwerfer abgeschossen, ohne selbst einen Schuß abgegeben zu haben. Die Infanterie, es hatte sich um die Kampf- gruppe Döllwang gehandelt, hatte weder eine moralische noch eine tatsächliche Stütze gehabt, und war über den Bahndamm hinübergejagt worden, die eigene Abteilung versprengt, ein Teil bei Jeschowka und noch einmal bei Gumrak hinter aufgelesenen Flakgeschützen wieder aufgestellt und dort endgültig zusammen- geschossen. Schließlich sammelte Buchner in einem Wäldchen bei Stalingradski die Reste. Hundertzwanzig Mann waren es noch, zwei Troßfahrzeuge, und er selbst hatte noch einen PKW einealte Krücke, aber immerhin, die Räder drehten sich noch. Was tun? Die Batterien abgeschossen, der General ausgeflogen(und krächzt, wäh- rend man da noch herumbiestert, den Todesgesang: Stelle neue Flakdivision auf!), am Südrand des Kessels wird schon kapituliert. Stalingrad ist nur noch eine Mühle, und Knochen oder Geschütze, alles ist egal, alles wird zermahlen, ohne Sinn und ohne Ziel, die Hauptsache ist das Mahlprodukt, die Hauptsache, daß es Stücke gibt! Was war da zu tun die Männer infanteristisch einsetzen? Nein, schließlich: der Stampfer hat einmal studiert und ist damit nicht zu Ende gekommen, der Minz war einmal Drainiermeister; er selbst(einmal war er Chemiker) hat so seine Kenntnisse in der Textilbranche und ist überhaupt ein Trottel, daß er aus Südamerika weg- gegangen und in dieses unsichere Hitlergeschäft eingestiegen ist; und so sind alle unter der Flakuniform noch irgend etwas anderes als Flaksoldaten, und alle haben einen irgendwo abgerissenen Faden wieder aufzunehmen. Also: Leutnant Stampfer, Sie übernehmen die beiden Troßfahrzeuge mit der Verpflegung und ab nach Stalingrad . Treffpunkt: dieWeißen Häuser! Und da machen wir mal Ruhe, da wollen wir die Lage mal richtig beurteilen!

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