Druckschrift 
Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
266
Einzelbild herunterladen

und das wird dann wohl das erstrebte Ziel sein, denn nochmals zweitausend Schritte weiter dehnt sich der Wolgastrom, und wenn der auch unter Fis liegt und begehbar ist, 8o hat er, und auch sonst niemand, wie die Dinge nun einmal liegen, dort wirklich schon nichts mehr zu suchen.

Lawkow hatte das Gelände eingehend betrachtet, er hatte auch beobachtet, wo das Werferfeuer niederging, und wo das Streufeuer aus Gewehren lag. Was hier eigent- lich gespielt wurde, um was es ging, das konnte er nicht enträtseln. Er machte sich auf den Weg, und an fünfhundert Schritte hatte er zurückgelegt, er umrundete eine Ruine, gelangte in eine schmale Straße. In diesem kurzen Straßenschlauch aber war für einige Minuten die Hölle los. Die Russen schossen, und die Deutschen schossen, und es schien nicht anders, als ob beide Seiten es auf ihn persõnlich abgesehen hätten. Die Werfereinschläge standen im Dunst wie dicke, rote Köpfe. Hinschmeißen, natür- lich hinschmeißen aber nein: diesmal wäre es verkehrt, und dieses Mal ist das Verkehrte das Richtige. Er lief, machte drei lange Sätze, rein in die Ruine, nichts als Wände waren da, und darüber der milchige Himmel und ein erster blasser Stern. Und da war dann doch noch mehr. Er vernahm Stöhnen, und da lag einer im Schutt. Lawkow kam näher, vielleicht, daß er erfahren konnte, um welches Objekt hier eigentlich gekämpft wurde, und welchen Weg er einzuschlagen hatte. Als er aber das Gesicht des Mannes sah, begriff er, daß hier nichts mehr zu erfahren war. Die verdreckte Soldatenhand, die sich hob, war ebenso papierweiß wie das Gesicht. Die Handbewegung war eine Aufforderung, und Lawkow bückte sich, faßte den Mantel des andern an und hob ihn auf, ließ ihn aber gleich wieder zurückfallen. Beide Beine waren Matsch, und das eine lag quer, mit dem Fuß und dem Stiefel aufwärtsgekehrt. Erst nachdem er das gesehen hatte, bemerkte er den Blick des Mannes, der nun, das war ihm anzusehen, alles begriffen hatte. Er hörte ihn mit matter Stimme sagen: Kamerad, wenn du durchkommst...Ja, wenn ich durchkomme. Selbstver- ständlich, wenn ich was tun kann! Der andere hatte ein Stück Papier in der Hand und kritzelte einige Worte darauf. Seine Hand fiel kraftlos zurück, und den Zettel mußte er schon neben dem Bewußtlosen auf lesen. Er steckte den Zettel in die Tasche, und da es draußen still geworden war, lief er weiter. Den halben Weg bis zur Orts- kommandantur hatte er zurückgelegt, und schon das große, graue Eckhaus vor Augen. Pin freier Platz war noch zu überqueren, und den wollte er auch erst mal genau an- peilen. So saß er hinter einem Steinhaufen, und hier nahm er den Zettel aus der Tasche, hielt ihn dicht an die Augen und las:Liebe Luise, mit mir ist es aus, mein letzter Gedanke ist bei Dir, behalte mich im Andenken... Aber mein Gott, wer ist nun Luise, wo wohnt sie? Zu idiotisch, ich hätte ihn doch fragen müssen, ihm die Erkennungsmarke abnehmen! NMun: schließlich ist doch alles egal. Aber vielleicht ist es nicht egal. Und wenn ich vielleicht durchkomme ich habe es ihm versprochen! Voraus auf dem Platz war es still, hinter ihm flackerte es wieder. Lawkow kämpfte mit sich einen Kampf.Du bist ein Rindvieh! Und wenn du dabei auf die Nase zu liegen kommst, dann geschieht's dir recht! Aber schließlich habe ich doch einen Weg

266