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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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zerfallen, wie auch das Bild im Herzen zerfallen war. Der Arzt blieb stehen. Er ließ den Zug, der in einem Abstand folgte, herankommen und die müden Reihen vorbeitreiben. Kaum einer hob den Blick. Die Männer dachten nicht mehr, sie träumten, dösten, während sie dahinzogen. Die Füße waren nicht zu sehen, lange Mãntel schleiften durch den Schnee. Unvorstellbar langsam ging es voran. Der Zug glich einer Barke, ohne Wind in den Segeln, dahinziehend auf trägem, unsicht- barem Strom.

Der Blick des Arztes blieb an dem Gesicht eines Soldaten haften, einer von den wenigen, die noch aufblickten, auch Anteilnahme an der Umwelt bekundeten. Der Arzt entsann sich, der Mann war einer der letzten in dem langen, laufenden Band gewesen, das in Gumrak über seinen Operationstisch gelaufen war. Er hatte drei Rippen gebrochen und das Schulterblatt verletzt. Das Gehen fiel ihm schwer, jeder Schritt war ein Tasten und Taumeln, und jeder Schritt trieb ihm Schweißtropfen auf die Stirn, die an dem unrasierten Gesicht gefroren. Der Arzt schwenkte ein und marschierte neben dem Zug und neben dem Soldaten her.

Der Soldat hieß Franz Widomec, war aus Bottrop , eigentlich war er aus Wien und nach Bottrop zur Arbeit geschickt worden. Anderthalb Jahre verheiratet, nur vier Monate mit der Frau gelebt, dann war er eingezogen worden. Briefe? Matürlich, viele Briefe hatte er bekommen, fast mit jeder Post, solange es noch Post gab. Auch auf Urlaub war er gewesen im Frühling, da hatte er zusammen mit seiner Frau noch einmal Wien aufgesucht.

Das Gespräãch nahm eine Wendung, die für den Arzt überraschend war. Drei Rippen und das Schulterblatt, da sei er noch billig davongekommen, sagte der Soldat Wido- mec. Und er meinte, daß er mit seinen Rippen so etwas wie eine Abschlagszahlung für irgendeine Schuld bezahlt hätte. Für was denn? Für den Krieg, für das viele Flend, das wir ins Land gebracht haben!

Für was denn, für was konkret? wollte der Arzt wissen.Nun, zum Beispiel habe ich mich einmal feste daran beteiligt, einer alten, halbverhungerten Russen- frau die letzten Pellkartoffeln wegzufressen! Sonderbar, dachte der Arzt nur. Da taumelt einer, der nicht auf den Füßen stehen dürfte, fünfzehn Kilometer durch das Land, und dabei denkt er, ein billiges Los gezogen zu haben.Und da handelt es sich ja nicht nur um diese Pellkartoffeln, Herr Oberstabsarzt!Haben Sie schon lange solche Gedanken im Kopf?In Wien habe ich zum erstenmal an so was gedacht.In Wien ?Ja, so viel fremdes Volk gibt es da bei uns. Griechen, Jugoslawen, Ukrainer arbeiten um einen Schundlohn, verkommen im Schmutz unter uns. Sonntags sieht man sie auf der Straße, da betteln sie um Brot. So viel fremdes, armes, verhungertes Volk, die Augen müde. Als ich diese Gestalten Sah(der Blick des Soldaten Widomec ging über die Elendsgestalten des Verwun- detenzuges), da habe ich gedacht, dieses Elend kommt auch einmal über uns... Sonderbar, dachte der Arzt wieder. Er hatte solche freimütigen Kußerungen, er hatte überhaupt solche Gedanken bisher nicht vernommen.Man dachte ja früher,

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