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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Station weiterrollten. Das war im November gewesen, und die Waggons, die mit Gütern anrollten, waren ohne fen und nur behelfsmäßig und nur auf ihren Leer- fahrten für Verwundetentransporte eingesetzt worden, in einer Zeit, in der das Land schon steinhart gefroren war, und das Thermometer schon 10 und 15 Grad unter Null zeigte. Wie viele Tote, wie viele Krüppel, wie viele Männer mit ab- gefrorenen Hãnden, mit abgefrorenen Füßen diese Art des Abtransportes dem deut- schen Volke gekostet hat! Damals war Oberstabsarzt Simmering zum erstenmal der Gedanke gekommen an die ungeheure und bedenkenlose Menschenverschwen- dung, die getrieben wurde, und das war doch noch vor der Einkesselung, das war noch im Verlaufe normalet Abwickung gewesen und war nur ein schwacher Auf- takt für das grauenvolle Schicksal, das nach Schließung des Kessels der Verwun- deten wartete.

Oberstabsarzt Simmering führte einen langen Verwundetenzug. Er marschierte so langsam, daß die Wunden und Kranken zu folgen vermochten. Seine Füße Steck- ten in Filzstiefeln. Viele von denen, die ihm nachfolgten, hatten nichts als Fetzen um ihre Füße gewickelt. Er blickte sich nicht um, und er sah nicht, wer zurück- blieb und wie der Zug hinter ihm kürzer wurde. Der Zug war mit den Schlitten, die mit der kargen Verpflegung folgten, noch immer lang. Wer sich in den Schnee hinsetzte, mußte sitzenbleiben. Es war nichts zu machen, und Simmering überließ es einem Feldwebel und seinen Unteroffhieren, ein letztes Wort, einen letzten Gruß von den Zurückbleibenden entgegenzunehmen. Daß er, der Oberstabsarzt, beim Haufen blieb, daß er voranschritt und denen, die noch soviel Lebensgeist hatten, Hoffnung einflõßte, war alles, was er tun konnte. Pennoch: welche Art Hoffnung bedeutet er eigentlich, und wo führt er hin? Aus Gumrak kommt er. Versprengte aus den Lazaretten bei Gumrak zieht er hinter sich her. AmTatarenwall war er in das Feuer aus Panzern geraten, und dort hatte er nach Süden abbiegen müssen. Und nach einer Macht in Erdhöhlen ist er wieder auf dem Marsch. Die sich am Rand des Schneefeldes auftürmenden Stein- haufen, die zerfetzten Giebel, die Schornsteine, die Bronten mit leeren Fenster- höhlen und nichts als Luft dahinter: das ist Stalingrad .

Wo führt er hin? In die Ortskommandantur dahin lautet der Befehl der Armee, der ihn erreicht hat. Die Trümmer von Sanitätseinheiten und die Masse der nach Stalingrad strõmenden Verwundeten Sollen im Gebäude der Ortskommandantur- Mitte gesammelt und dort versorgt werden!

Gesammelt und versorgt... der Befehl steht auf dem Papier. Aber, mein Gott, der Weg von siebzig Tagen, Wertjatschi, Baburkin, Bolschaja Rossoschka, Gumrak, und was dort anGesammelten und Versorgten geschehen ist! Wäre es nicht menschlicher, noch hier angesichts der Trümmerstadt haltzumachen und die Ge- Sammelten auf dem weiten Schneefeld in alle Winde zu versprengen!2

Aber ein Oberstabsarzt versprengt nicht, er sammelt und ordnet, wenn er schon Sonst nichts tun kann, und er stellt einen Zug zusammen und führt.

17 Stalingrad

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