hatte er die Frau eines Parteibeamten, zur Zeit Leutnant bei der 3. motorisierten Infanterie-Division vor Stalingrad , aufgesucht; und von ihr weitergewiesen, hatte er auch noch im Osten Berlins eine Frau Lilly Daußig eingeladen, so hatte er für die große Trauerkundgebung auch eine„echte Soldatenfrau“. Von seiner Mission zurückgekehrt, erfuhr er, daß der Herr Minister sich im Mosaiksaal der Neuen Reichskanzlei befände. Port traf er ihn mitten in einem Schwarm von Tapezierern, Anordnungen gebend für das Aufhängen der schwarzen Satinbahnen, der Trauer- fahnen, für das Aufstellen der Kandelaber, für das Aufstellen des symbolischen Katafalks für die 6. Armee. Nur mit halbem Ohr hörte der Propagandaminister den Bericht seines Mitarbeiters an. Er war beschäftigt, lief auf vollen Touren, wie eine Rotationsmaschine. Sitzungen, Besprechungen mit Journalisten, Feuilletonisten, Berichtern, Bildberichtern, Zeich- nern, Biographien von den Führern, von Offizieren, von Soldaten der 6. Armee, Kampfepisoden, Beispiele hercischen Sterbens, letzte Worte, Vermãchtnisse an die Nation waren zu ersinnen, zu entwerfen, zu inspirieren, in Massen zu schreiben. Er hatte sich zu vervielfältigen, sich selbst zu übertreffen! Dieses Mal handelte es sich nicht wie zu Zeiten der Parteikrise um einen SA-Mann Hornick oder um einen SAMann Stampfer, dem aller Haß und alle Wut gegen die Welt in die Grube nach- zurufen war. Dieses Mal in der aufbrauenden Krise des Nazireiches handelte es sich um den Leichnam einer ganzen Armee, um vierundzwanzig Generale, Zehn- tausend Offiiere, dreihunderttausend Mann, den der riesige schwarze Bauch dieses Katafalks zu versinnbildlichen hat. Und es wird eine„schöne Leiche“ sein(der Oberbefehlshaber zum Feldmarschall und Oberste werden zu Generalen befördert. Ritterkreuze, Eichenlaub und EK I und EK II werden in Massen verteilt), dafür ist gesorgt worden.
Aber sterben müssen sie vom Feldmarschall bis zum letzten Mann.(Und dafür ist vielleicht nicht so hundertprozentig gesorgt. Die Fernwirkung allein genügt da nicht, und die paar Finflieger sind eine schwache Hilfe.) Sterben müssen sie alle. Ein Leichnam muß wirklich ein Leichnam sein. Aus einer halben Leiche läßt sich kein politisches Kapital Schlagen. Jeder, der ein Loch zum Entschlüpfen findet und der am Leben bleibt(und je höher im Rang, um so mehr), wirkt gegen das Unter- nehmen: gegen das gigantische Aufpulvern der ganzen Mation zum Letzten! Sterben müssen sie. Alle! Mit schweren Sorgen auf dem Gesicht hinkt der Propaganda- minister durch den Mosaiksaal.
Ein ganzes Volk— Mütter, Frauen, Kinder stöhnten umter einer Propaganda, die ihnen alle Hoffnung nahm und die Männer, Söhne, Väter in ihrem Bewußtsein tagelang sterben ließ. Aber noch lebten sie, und es ist gegen alle Sitte, noch wãhrend der Angehörige sich auf dem Sterbelager windet, den Schneider ins Haus zu rufen und sich Trauerkleider anmessen zu lassen; aber genau das war es, was die Nazi- propaganda an den Stalingradkämpfern und ihren Angehörigen tat. Die Männer lebten noch! Die Armee war in zwei Teile aufgesplittert. Die eine Kleinere Häffte
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