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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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Frau Vilshofen (die Frau des Obersten Vilshofen war es) starrte ins Leere. Un - wirklich das Haus, die eichengetäfelten Wände, die sie umgaben, unwirklich die Stille dahinter brüllten tausend Kanonen, dahinter brauste der Untergang, von dem jener Ministerialrat, der sie eben aufgesucht und wieder gegangen war, so beredt gesprochen hatte. Mein Gott, und alles ist doch einmal wirklich gewesen, und wenn Manfred nach Haus kam, das war in langen und manchmal jahrelangen Abständen vorgekommen, und bei ihr einkehrte, dann lebte man, dann war Sonne über das ganze Haus gebreitet, und Menschen waren da, mittags und abends, keine Mahlzeit ohne Gäste, da spürte man, daß das Haus nicht abseits der Straße des Lebens stand. Ja, solche kurzen Wochen hatten lange Monate der Einsamkeit auf- gewogen.

Dann kam der Krieg. Frankreich , dann Rußland . Manfred ließ sich aus dem OKIH zur Truppe versetzen. Manchmal kam ein Brief. Nichts vom Kriegsgeschehen darin. Landschaft, Steppe, Sandstürme, Dörfer, Menschen. Ein Urlaub und wieder Ost- front, und lastende Stille, kaum ein Lebenszeichen. Dann ein Brief über den großen mythischen Strom und die tolle Stadt, das war die Wolga und war Stalingrad . Und da war noch ein Brief, und dieser Brief war ein Wirbel. In Manfred mußte ein ganzer Erdrutsch vorgegangen sein.

Darüber waren drei Wochen vergangen; danach war noch ein kurzer Gruß ge- kommen, und dann nichts mehr. Und heute der Anruf, von jenem Ministerialrat, und hier im gleichen Zimmer hat sie dem Rat aus dem Propagandaministerium gegenübergestanden. Wie sie dazu gekommen war, das Wort aus?zusprechen, sie weiß es nicht; es war plõtzlich ũber sie gekommen. Der Schilderung dieser funebren Pracht, die da entfaltet werden soll, konnte sie nichts anderes entgegensetzen als ein: Nein! Sie hatte ausgerufen:Mein Gott, er lebt doch noch! Mein, das kann ich nicht; im vornherein kann ich mich nicht zur Teilnahme verpflichten! Viel- leicht war es nicht richtig gehandelt, denn es geht doch nicht nur um ihn.Es han- delt sich um die reprãsentative Trauerkundgebung füt die ganze 6. Armee, gnädige Frau, hatte der Herr ihr erwidert. Nein, nein, nein! hatte sie ausgerufen. Sie war von Sinnen gewesen, hatte nichts von Trauer für eine Armee, nichts von Trauer um Manfred hören wollen. Er lebt doch noch, und die Armee lebt doch noch, das ist doch ganz offensichtlich der Fall! Und zum General befördert, was soll das nun, wo sie doch um ihn trauern soll! Vielleicht war es nicht richtig gehandelt! Schluchzte die Frau in sich hinein.

Vielleicht habe ich nicht richtig gehandelt! sagte sie zu einer eintretenden weiß- haarigen alten Dame, zur Mutter Vilshofens.Nein, du hast recht gehandelt, Irene! sagte die alte Frau. Und sie sank auf einen Stuhl zusammen und verbarg das Gesicht in beide Hände. Sie blickte wieder auf und sagte:Und mein Gott, es mußte so unter Führer werden die Gräber für die noch Lebenden ausgehoben..

Der war weitergegangen. Nach dem Besuch im Hause Vilshofens

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