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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
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einander, und sie suchte nichts Besonderes. Aber sie nahm einen Schal, einen Hut, noch anderes in die Hand und legte es wieder zurück, und alles erinnerte sie an gemeinsam verlebte unwiederbringliche Stunden. Schließlich hielt sie ein langes weißes Kleid in den Händen, das war Seide, unbeschwerte und auch unerschwerte Naturseide, wie sie gar nicht in den Handel kommt; auch die Frau des ungarischen Außenministers hatte ein solches Kleid nicht bekommen. Es war das Hochzeits- geschenk von Fritzens Chef, es war ihr Hochzeitskleid. Als sie dieses Kleid in der Hand hielt, waren plõtzlich alle Schleusen aufgetan. Alles was sie in diesen Tagen von Machbarn, von Frauen, auch von wildfremden Frauen auf der Straße gehört hatte, das ganze Unglück brach über Frau Charlotte Buchner zusammen. Das Hoch- zeitskleid aus unbeschwerter Seide wurde achtlos über eine Stuhllehne geworfen. Frau Buchner hielt es zwischen ihren vier Wänden nicht mehr aus. Sie wußte kaum, wie sie auf die Gasse hinuntergelangt war. Sie lief durch die Seilerstätte, durch die Kärmner Straße, bog in den Kärntner Ring ein, schließlich stand sie in ganz anderer Himmelsrichtung vor der Ferdinandsbrücke, trieb hinüber und lief durch die Tabor- straße. Und wo sie zwei Frauen miteinander sprechen sah, undwo sie hinhörte, da vernahm sie:Der ihrer ist auch in Stalingrad !

Da saß in einem EFinfamilienhaus in Berlin-Dahlem in einem stillen, noch dazu durch eine abgepolsterte Tür von Außengeräuschen abgedämpften Zimmer eine Frau. Sie saß da, nahe der Wand auf einem Stuhl, und die schlanken Hände lagen auf den Armlehnen. Ihr Blick ruhte auf der viel zu aufgeräumten leeren Fläche eines Schreibtisches. Auf dem Tisch stand nichts als Schreibzeug und Löscher, ein Kalender, und unter Glas ein Photo, das war sie selbst, und noch ein Photo, das war ihre erwachsene Tochter. Noch ein gerahmtes Bild, Ulm mit dem Ulmer Münster , ihres Mannes Heimatstädtchen. Es hatte Zeiten gegeben, da sie, und manchmal bis tief in die Nacht hinein, am gleichen Platz gesessen, irgend etwas in den Händen, und wenn sie aufgeblickt hatte, war es der Hals und der über Papiere gebeugte und im Rauch einer Zigarre verschwimmende Kopf des Mannes gewesen, den sie vor sich gehabt hatte. Jetzt war der Platz leer, und wie ihr scheinen wollte, war er schon ein Lebenlang leer. Sicherlich aber hatte sie ihr halbes Leben in Fin- Samkeit verbracht und auf ihn gewartet, der sich auf wilden Wegen befand. Was war er eigentlich? Militär? Diplomat? Verschwörer, noch dazu auf zwei Konti- nenten?

Sicherlich ist er noch immer ein lieber dummer Junge und dazu ein bedenkenloser Spieler um größten Finsatz und um allergrößten(nicht ihn betreffenden, darum handelte es sich nicht) Gewinn; und sicherlich hat er sein und ihr persõnliches Glück bedenkenlos eingesetzt. Wenn nun aber dasSpiel nicht aufgeht, und es gibt da dunkle Andeutungen, dann handelt es sich nicht nur um sein und ihr eigenes Finzelschicksal, dann ist es furchtbar, mein Gott, dann geht es um Glück und Leben von vielen, von unsagbar und unzählbar vielen..

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