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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
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Da stand in Alten-Affeln im Sauerland , mit dem Rücken an die Ofenwand gelehnt, ein alter krummgearbeiteter Bauer:Nun sehe ich auch den Jungen, den Mathis, nicht wieder! sagte er, und nach einer Pause:Der Jochen ist bei Witebsk begraben. Wo ist Mathis, wie lange habe ich nichts von ihm gehört! Ich seh' ihn nicht mehr! Hãtte ich ihn doch nie nach Hagen auf die Schule geschickt, vielleicht wäre alles dann anders gekommen... Doch alles kommt, wie es kommen muß.. Uber zwei- hundert Jahre sitzen die Gimpfs hier auf dem Hof. Jetzt haben sie einen so hoch- trabenden Erbhof daraus gemacht, und nun ist kein Erbe da! Und wieder nach einer Weile sagte er:Ich weiß nicht, Mutter, mir ist durch und durch kalt! Ja, du solltest mal nach Hagen zum Doktor gehen! sagte die Bäuerin.

Da war die Frau Oberstabsarzt Kurt Simmering in Bad Pyrmont . Sie lag im Bett. Die Lampe brannte. Fin aufgeschlagenes Buch hielt sie in den Händen. Sie las, und Worte reihten sich an Worte und Satz an Satz, und sie wußte nicht, was sie las. Sie wußte nur und sagte sich: da steckt er drin, und wenn es nicht Rußland , und wenn es nicht gerade Stalingrad wäre! Zu denken, daß er im November noch auf Urlaub war, daß er abends aus seinem Arbeitszimmer herüberkam, daß er hier neben dem Bett im Schein der Lampe auf dem Sessel saß und eine Zigarette rauchte. Mein Gott, was haben wir aber auch in Rußland zu suchen! Und Frau Simmering blätterte die Seite ihres Buches um und die Stille ihres Zimmers brüllte, und es be- gann von vorn. Ja, wenn es nicht in Rußland wäre, aber schließlich..., auch die Russen sind Menschen, und er ist doch nicht in der vordersten Linie! Aber diese Schrecklichen Strapazen. Und grau und überarbeitet war er schon, als er auf Urlaub war. Diese schrecklichen Strapazen, und der russische Wimer, wenn er das nur aushält...

Da war in Wien I in der Himmelpfortgasse eine Frau Charlotte Buchner. Draußen an der Tür an einem Messingschild stand: Fritz Buchner, Chemiker. Jetzt war der Mann in der Wehrmacht , Major und Kommandeur einer Flakabteilung, und mit Seiner ganzen Pivision vor Stalingrad . Frau Buchner hatte das Essen für den andern Tag vorbereitet, sie hatte die Küche aufgeräumt. Danach hatte sie alte Photographien angesehen, und das hatte sie traurig gemacht. Fritz am Schreibtisch, Pritz in einem Saal voller Webstühle, mitten umer Arbeiterinnen das war in Un - garn, wo er eine Fabrik leitete und wo sie beide einander kennenlernten. Frit? wieder zwischen Webstühlen, wieder mitten unter Arbeiterinnen, dunkeläugigen und dunkelhaarigen dieses Mal, Fritz am Tisch unter einer bambusgedeckten Veranda, Britz in weißem Anzug und Panamahut an weißem Sandstrand. Das war in Vina del Mar in Chile , wo er ebenfalls eine Textilfabrik leitete, und wo sie beide fünf volle Jahre lebten, und von wo sie mit einem vierjãhrigen Töchterchen zurück- kehrten. Pieser unselige Krieg, und ausgerechnet ihr Fritz muß in Stalingrad sitzen! Frau Buchner zog Schubkästen auf, wozu eigentlich? Alles lag dort ordentlich bei-

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