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Stalingrad : Roman / Theodor Plievier
Entstehung
Seite
251
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über die Geranientõpfe hinweg und zwischen sauberen Tüllgardinen hindurch auf die menschenleere Porfstraße. Es war im Porf Pelleningken in Ostpreußen , und die alte Frau, die verloren dasaß und die rauhen verarbeiteten Hände untätig im Schoß hielt, war die Mutter Lawkow. An ihren Hans dachte sie, und sie sah ihn vor sich, als ob er da die Straße entlangkäme und im nächsten Moment vor sie hintreten würde. Zäh und tüchtig war ihr Hans. In Frankreich war er gewesen und in Polen ; und vor Moskau war er Offizier geworden; und vor Stalingrad , als er das letztemal geschrieben hatte, war er Bataillonsadjutant bei den 26rern. Sie sah ihren Jungen, klein und knorrig, wie eine Kiefer, und das Gesicht zernarbt und rissig wie Baumrinde, aber die Augen hell und jung. Das war ihr Hans, und eine Träne rollte die hagere Wange hinunter und fiel auf das Zeitungsblatt mit den großen tõnenden Worten.

Und da hatte nicht weit von Pelleningken im Porf Kraupischken der Heinrich Halluweit seine Wirtschaft; und aus Ballupõnen waren die Wischwill und die Göritt herübergekommen und mit der Unglückszeitung bei der Halluweit eingetreten. Die Halluweit und die Wischwill waren noch nicht dreißig, und nur die Göritt hatte die ersten grauen Fäden in ihrem gelben Haar. Der Mann der Halluweit hieß Hein- rich, der Wischwill ihrer hieß Karl und der Göritt ihrer Johann. Der Heinrich, der Karl und der Johann waren bei derselben Truppe. Heinrich war Koch, und Karl und Johann waren MG-Schützen beim ostpreußischen MGBataillon 9. Die drei Frauen saßen da und rührten den Kaffee, den die Halluweit gekocht hatte, kaum an. Es war wie nach einer Beerdigung, und alles war unverständlich, und alle Fragen, die die drei Frauen stellten, blieben ohne Antwort: Mußte das sein? Mußten sie denn durchaus bis an die Wolga ? Und wie soll es jetzt werden? Und niemals soll ich den Heinrich wiedersehen, nein, das kann nicht sein, das geht mir nicht in den Kopf! Und nicht der Karl, nun soll ich auf dem Hof weiterwirtschaften, mein ganzes Leben lang mit Polen und Russen? Mein, wenn er nicht wiederkommt, dann mache ich mit mir Schluß!

Da saß in Bottrop auf der Kante eines zerwühlten Bettes eine Maria Widomec und preßte den Kopf in beide Hände. Mein Gott, hier in diesem Bett hat er geschlafen, dort am Tisch hat er gesessen, und da habe ich ihm an jedem Morgen das Früh- stück hingestellt. Das leere Bett, der leere Platz am Tisch, die ewig leere Luft, dieser unselige Krieg! Was haben wir beide denn nötig gehabt, was anderes als un - beschwert atmen zu können! Warum all dieses Leid! Und niemand glaubt mehr an einen Sieg, noch an ein gutes Ende. Man glaubt an gar nichts mehr, und das ist schlecht. Das ist ja kein Krieg, das ist eine Vernichtung, ein Abschlachten. Franz hat alles schon vorher gesagt, wie hat man nur zweifeln können! Ach Franz, ich kann nicht weinen. Es preßt das Herz zusammen. Wäre ich tot, tot, tot...